Ruhrgebiet gewinnt dank Zuwanderung mehr Einwohner

Michael Kohlstadt
Nordrhein-Westfalen registrierte die höchste Zuwanderung seit Gründung der Bundesrepublik 1949 und den stärksten Anstieg der Einwohnerzahl seit 25 Jahren.
Nordrhein-Westfalen registrierte die höchste Zuwanderung seit Gründung der Bundesrepublik 1949 und den stärksten Anstieg der Einwohnerzahl seit 25 Jahren.
Foto: dpa
Jahrelang schrumpfte das Revier. Jetzt zeigt die Bevölkerungskurve wieder nach oben - zum zweiten Mal in Folge. Hauptgrund ist die große Zuwanderung.

Essen. Nach jahrelangem Schrumpfprozess ist das Ruhrgebiet 2015 zum zweiten Mal in Folge wieder gewachsen. Laut den jetzt vorliegenden amtlichen Landeszahlen lebten zum Stichtag 31. Dezember 2015 exakt 5.109.253 Menschen in den elf kreisfreien Städten und vier Kreisen des Reviers. Das waren 54.619 oder knapp 1,1 Prozent mehr als zum Vorjahreszeitpunkt. Die Zunahme entspricht in etwa der Einwohnerzahl der Stadt Hattingen.

Schon 2014 hatte die Ruhrbevölkerung leicht um knapp 9000 Einwohner zugenommen. 2013 dagegen war die Bevölkerungszahl auf den bisherigen Tiefstand von 5,045 Millionen abgesackt. 2005 zählten die amtlichen Statistiker dagegen noch 5,28 Millionen „Ruhris“.

Mehr Geld vom Land

Die Gründe für den Bevölkerungsschub liegen angesichts der Flüchtlingswelle im vergangenen Jahr auf der Hand. Nordrhein-Westfalen registrierte dadurch die höchste Zuwanderung seit Gründung der Bundesrepublik 1949 und den stärksten Anstieg der Einwohnerzahl seit 25 Jahren. Ende 2015 lebten im bevölkerungsreichsten Bundesland 17,86 Millionen Einwohner, so viele wie seit 2009 nicht mehr.

Die meisten Zuwanderer kamen aus Syrien (77.029) sowie den beiden östlichen EU-Mitgliedsländern Rumänien (45.122) und Polen (44.413), gefolgt von Zuwanderern aus dem Irak (26.104) und Albanien (24.547). Nicht ganz überraschend gab es den höchsten Anstieg bei den Zuzügen aus Syrien. 2015 kamen fünfmal so viel Menschen aus dem Bürgerkriegsland nach NRW wie noch 2014.

Die NRW-Einwohner-Kurve zeigt übrigens schon seit 2013 wieder nach oben. Im Revier, das sich lange Zeit mit seinem Schicksal als Schrumpfregion abgefunden zu haben schien, setzte erst ein Jahr später eine zaghafte Trendumkehr ein.

Die wachsende Bevölkerung an der Ruhr dürfte spürbare Folgen für die Gemeindefinanzierung durch das Land haben. Zwar richtet sich die Größe der Finanzspritzen, die Düsseldorf Jahr für Jahr zur Unterstützung der Kommunen neu aufzieht, nicht ausschließlich nach der Einwohnerzahl. Auch die Fläche, besonders aber die Finanz- und Steuerkraft einer Stadt spielen eine Rolle. Zuweisungen nach dem Gemeindefinanzierungsgesetz wie die Investitions-, Schul- und Sportpauschale hängen jedoch direkt von der Einwohner- beziehungsweise der Schülerzahl ab.

Auch bei der Berechnung der allgemeinen Schlüsselzuweisungen, dem mit Abstand dicksten Scheck, den das Land zur regelmäßigen Alimentierung seiner Kommunen ausstellt, ist die Einwohnerzahl ein entscheidender Faktor. Allerdings müssen die Städte einen Zeitverzug von zwei Jahren hinnehmen, bis sich das Einwohnerwachstum in den Landeszuweisungen niederschlägt. Die Abrechnung nach den aktuellen Einwohnerzahlen 2015 wird nach Auskunft des NRW-Innenministeriums erst 2017 fällig.

Dank guter Konjunktur und sprudelnder Steuereinnahmen können die klammen Ruhrgebietsstädte sich freilich schon jetzt über mehr Geld vom Land freuen. Allein die Stadt Essen erhält in diesem Jahr 473 Millionen Euro an Schlüsselzuweisungen – 26 Millionen mehr als im Vorjahr. Für Mülheim wuchsen die Schlüsselzuweisungen proportional noch stärker: von 56,6 Millionen auf 65 Millionen Euro. Auch für Bochum zeigte sich das Land mit 273 Millionen spendabler (2014: 264 Millionen). Landesweiter Spitzenreiter bei den Schlüsselzuweisungen ist in absoluten Zahlen Dortmund mit knapp 530 Millionen.

Dagegen geht Düsseldorf wie schon in den Vorjahren komplett leer aus. Der Grund: Der Landeshauptstadt und ihrer Bevölkerung geht es wirtschaftlich schlichtweg zu gut, um am Tropf des Landes hängen zu können. Die errechnete Steuerkraft Düsseldorfs ist fast doppelt so hoch wie die im nur unwesentlich kleineren Essen.