Rot-Grün entdeckt die Industrie

Thomas Wels
Aluminium-Ofen der Firma Trimet in Essen. Das Unternehmen verbraucht ein Prozent des deutschen Stroms.
Aluminium-Ofen der Firma Trimet in Essen. Das Unternehmen verbraucht ein Prozent des deutschen Stroms.
Foto: WAZ FotoPool
Grünen-Fraktionschef Reiner Priggen erklärt die Energie-Strategie seiner Partei. Für neue Kohlekraftwerke ist darin kein Platz. Trotzdem hat er für die Warnung der SPD vor De-Industrialisierung kein Verständnis.

Düsseldorf. Die Grünen halten die Pläne der schwarz-gelben Koalition für den Ausstieg aus der Atomkraft für eine Finte. „Wer nun acht Atomkraftwerke abschaltet und die restlichen neun erst in den Jahren 2021 und 2022, der legt doch jetzt schon den Keim für die dann kommende Debatte, dass der endgültige Ausstieg wegen der drohenden Energielücke unmöglich ist“, sagte Reiner Priggen, Grünen-Fraktionschef im NRW-Landtag, der WAZ. Und: „Natürlich bleiben dann auch die jetzt dringend nötigen Investitionen in Gaskraftwerke oder Speichertechnologien aus.“ Priggen fordert einen Abschaltplan mit Jahreszahlen, nach dem die AKW nach und nach vom Netz gehen.

Auch die Pläne, ein Atomkraftwerk für Fälle von Engpässen als so genannte Kalt­reserve im Schlummermodus laufen zu lassen, hält Priggen für wenig durchdacht. Zwar sei es vernünftig, ein solches Sicherheitssystem einzuziehen, aber „warum muss das ein Atomkraftwerk sein? Es wäre viel vernünftiger, diese Leistung von 1000 Megawatt auf dem freien Markt auszuschreiben, denn dann haben auch Stadtwerke die Chance, mit Kohle- oder Gaskraftwerken zum Zuge zu kommen.“

Grüne geben neuen Kohlekraftwerken keine Chance

Was die Energiewende angeht, gibt der Grünen-Fraktionschef anders als der NRW-Koalitionspartner SPD neuen Kohlekraftwerken keine Chance. „Aus wirtschaftlichen Gründen denkt kein einziger Energiekonzern daran, ein neues Steinkohlekraftwerk zu bauen.“ Ein Grund für die Unwirtschaftlichkeit der Kohlemeiler: Ab 2013 müssen Kraftwerksbetreiber die Rechte für den Ausstoß von Kohlendioxid teuer zukaufen. Die derzeit im Bau befindlichen Kohlekraftwerke liefen voraussichtlich bis 2050. Überhaupt kein Verständnis hat Priggen in dem Zusammenhang für die Warnungen der NRW-Regierungschefin Hannelore Kraft (SPD) vor einer De-Industrialisierung in NRW. „Wir wollen keine Alu-Hütte und keinen Stahlkonzern vertreiben. Vielmehr wollen wir mit den energieintensiven Unternehmen zusammen kluge Modelle entwickeln, die die Energiewende ermöglichen und den Unternehmen einen Nutzen bringen.“

Ein Beispiel dafür sei die Entlohnung von Alu-Hütten, wenn diese zu Zeiten eines Spitzenbedarfs an Energie – etwa in den Abendstunden – ihre Anlagen herunter regulieren. „Trimet in Essen könnte abends für vier Stunden ihren Energiebedarf drosseln und dafür einen Obolus erhalten.“ In Italien, Schweden und Holland sei das Praxis. Trimet verbraucht ein Prozent des deutschen Strombedarfs. NRW-Wirtschaftsminister Harry Voigtsberger (SPD) stützt die Forderung und verlangt zudem EU-Hilfen für stromintensive Betriebe.

„Das ist das Gegenteil von De-Industrialisierung“

Mit Thyssen-Krupp, so Priggen weiter, habe es Gespräche über die Nutzung von Abwärme des Stahlwerks in Duisburg gegeben. „Damit könnte man 50 000 Wohnungen beheizen, wenn man Fernwärmenetze ausbaut.“ Mit dem Neubau von Gaskraftwerken – derzeit seien sieben Blöcke in Planung – ließe sich der dauerhafte Strombedarf energieintensiver Betriebe auch bei einem wachsenden Anteil der Erneuerbaren sicherstellen. „Wir wollen unsere Industrie intelligent und flexibel in die Energieversorgung einbinden. Das sichert Standorte und ist das Gegenteil von De-Industrialisierung.“