Roma-Integration - Was Revierstädte von Berlin-Neukölln lernen können

Angesichts der Armutswanderung von EU-Bürgern aus Südosteuropa nach Westeuropa fordert die EU-Kommission Mitgliedstaaten, darunter auch Deutschland auf, sich mehr um die Integration der Migranten zu kümmern. Ein Berliner Problemstadtteil macht vor, wie Roma-Familien in den Alltag einbezogen werden.

Brüssel.. Angesichts der Armutswanderung von EU-Bürgern aus Südosteuropa nach Westeuropa fordert die EU-Kommission Mitgliedstaaten, darunter auch Deutschland auf, sich mehr um die Integration der Migranten zu kümmern.

„Es liegt genug Geld in den EU-Fördertöpfen. In der laufenden Förderperiode stehen 26,5 Milliarden Euro für Integration zur Verfügung. Leider müssen wir feststellen, dass dieses Geld viel zu selten benachteiligten Roma-Gemeinschaften zugute kommt“, sagte Jonathan Todd, Sprecher des EU-Kommissars für soziale Angelegenheiten, der WAZ Mediengruppe. Die Integration der Roma gehöre zu den vorrangigsten Zielen der EU.

Der Weg zu den Fördertöpfen der EU führt über die Landesregierungen

Die Europaabgeordnete Ska Keller (Grüne) bemängelt, dass es in der EU nur unverbindliche Leitlinien für die Integration von Roma gebe. Auch Deutschland schaue bei dem Thema weg: „Es wird bei uns oft nur als lokales Problem einzelner Städte angesehen, und nicht als ein Problem, das die ganze Gesellschaft betrifft.“

Der CSU-Europaabgeordnete Manfred Weber erinnerte daran, dass der Weg zu den EU-Fördertöpfen über die Regierungen der Bundesländer führe. Wenn Duisburg finanzielle Unterstützung für die Integration von Roma benötige, müsse sich die Stadt an die NRW-Landesregierung wenden. Weber bestätigte, dass EU-Fördermittel aus dem Europäischen Sozialfonds vielfach gar nicht abgerufen würden. Im Falle der Roma allerdings komme es auch vor, „dass die ausgestreckte Hand von den Roma-Communities gar nicht angenommen wird“.

In Duisburg, Mannheim, Berlin-Neukölln und anderen deutschen Städten haben sich Tausende Rumänen und Bulgaren, unter ihnen viele Roma, angesiedelt. Während Duisburg an einem soliden Handlungskonzept strickt, macht Berlin-Neukölln vor, wie den Roma schnell geholfen werden kann.

Berlin-Neukölln macht vor, wie die Integration von Roma-Familien funktioniert

Wer glaubt, dass es unmöglich sei, zugewanderte Roma-Familien aus Südosteuropa in den deutschen Alltag zu integrieren, der wird in Berlin-Neukölln eines Besseren belehrt. Der Multikulti-Stadtteil des als „Zupacker“ bekannten Bezirksbürgermeisters Heinz Buschkowsky (SPD) taugt offenbar als Vorbild für Städte wie Duisburg, die dem Roma-Problem bislang ratlos gegenüber stehen.

Es begann, ähnlich wie in Duisburg, mit einem schier unlösbar erscheinenden Problem: „Seit 2009 kommen zahlreiche Menschen aus Bulgarien und Rumänien nach Neukölln, zumeist mit Roma-Hintergrund. Viele von ihnen zogen zunächst in Schrottimmobilien und mussten dort überzogene Mieten bezahlen. Schleuser und andere Kriminelle ließen sich von den nicht Deutsch sprechenden Migranten jede kleine Leistung, jedes Ausfüllen eines Antrags teuer bezahlen. „Dabei hätte es Beratung und Hilfe hier im Bezirk umsonst gegeben“, erinnert sich Arnold Mengelkoch, der Neuköllner Migrationsbeauftragte. Inzwischen habe sich die Lage dort spürbar verbessert. Nach Auskunft von Mengelkoch besuchen weit über 90 Prozent der Roma-Kinder eine Schule – 700 Jungen und Mädchen.

Die Polizei ist „interkulturell geschult“, es gibt „bulgarisch- und rumänischsprachige Kulturmittler“ an den Schulen und im Stadtbezirk sowie Sprachkurse für erwachsene Roma. Die Arbeitsgemeinschaft AG Roma vereint alle Integrations-Experten des Bezirks an einem Tisch.

Der „Held“ heißt Benjamin Marx

Das größte „Wunder“ allerdings gab es bei der Unterbringung. Die katholische Aachener Siedlungs- und Wohnungsbaugesellschaft kaufte acht der 20 von Zuwanderern bewohnten Häuser und verwandelte diese in vorbildliche Wohnquartiere. Der Wegbereiter dieses Projektes, der Immobilienmanager Benjamin Marx, soll bei den Roma in Neukölln geradezu Heldenstatus genießen. Am nächsten Freitag wird der Gebäudekomplex als „Arnold-Fortuin-Haus“ geweiht werden. Der Namensgeber, ein Pfarrer, hatte in der Nazizeit zahlreiche Sinti und Roma gerettet. In dem renovierten Gebäudekomplex leben derzeit 500 Roma.

„Neukölln hat die Integration der Roma im Bezirk zur Chefsache gemacht“, sagt Arnold Mengelkoch. „Bei uns kümmert sich kein einfacher Beauftragter um das Thema, sondern die Verwaltungsspitze: die Bezirksstadträtin für Bildung und Schule, Franziska Giffey, sowie die Neuköllner Europabeauftragte Cordula Simon. Das gibt uns die Chance, die richtigen Türen im Bund und in Brüssel zu öffnen.“

Noch immer viele Vorbehalte

Wahr ist allerdings auch, dass in Neukölln noch viel zu tun bleibt. Nach wie vor gebe es im Bezirk viele Vorbehalte gegenüber den Zuwanderern aus Südosteuropa, erzählt Arnold Mengelkoch. Noch immer lebten viele Roma in Berlin in bitterster Armut. Und sollten noch viele weitere Roma-Familien nach Neukölln kommen, dann würde der Bezirk wohl an die Grenze seiner Integrations-Möglichkeiten stoßen, gibt Mengelkoch zu bedenken. Ohnehin liege die Lösung des Problems am Ende nicht hier, sondern in Rumänien und Bulgarien.

 
 

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