Röntgenmittel in der Ruhr sorgen für Unbehagen

Badespaß und Ruhr-Idylle: Rückstände von Medikamenten und Röntgenkontrastmitteln machen den Wasserwerken immer größere Sorgen.
Badespaß und Ruhr-Idylle: Rückstände von Medikamenten und Röntgenkontrastmitteln machen den Wasserwerken immer größere Sorgen.
Foto: Imago
Den Wasserverbänden an Rhein und Ruhr bereitet die Menge an Röntgenkontrastmittel im Flusswasser Sorgen. Bislang würden tonnenweise Kontrastmittel in die Flüsse gelangen, teilten die Wasserwerke an der Ruhr und der Ruhrverband am Donnerstag in Essen mit. Das Problem: Man kann die Pharma-Rückstände kaum herausfiltern.

Essen. Seinen Gästen reicht der Essener Ruhrverband gern ein Glas Wasser, wie zum Beweis für die hohe Trinkwasserqualität aus der Ruhr, die die Wasserwerke nicht müde werden zu betonen. Gefiltert und mit Kohlensäure versetzt mundet es tatsächlich gut. „Unser Wasser ist völlig unbedenklich und sehr geschmackvoll“, versichert der Vorstandschef des Ruhrverbandes, Harro Bode, am Donnerstag bei der Vorstellung des Ruhrgüteberichts.

Die viel diskutierten Arzneimittelrückstände und Spurenstoffe „bewegen sich auf einem Konzentrationsniveau, das für Menschen in keiner Weise gefährlich“ sei. Rein rechnerisch, beruhigt Bode, müsse ein Menschen schon 25 000 Jahre lang jeden Tag zwei Liter Trinkwasser aus der Ruhr zu sich nehmen, um auf eine Tagesdosis der Medikamente zu kommen.

Trinkwasser für 4,2 Millionen Bürger

Ganz wohl scheint dem Ruhrverband und den angeschlossenen Wasserwerken beim Gedanken an die zahllosen Mikrosubstanzen, die sich in der Lebensader für über 4,2 Millionen Menschen tummeln, aber doch nicht zu sein.

Schluckbeschwerden bekommen die Wasserexperten besonders, wenn es um die Rückstände von Röntgenkontrastmitteln geht. „Mit Unbehagen“ nehme man das häufige Vorkommen dieser Pharma-Rückstände im Trinkwasser wahr, heißt es bei der Arbeitsgemeinschaft der Wasserwerke an der Ruhr (AWWR), auch wenn die vorliegende Konzentration völlig unbedenklich sei.

2,6 Tonnen Kontrastmittel im Jahr

Die nackten Zahlen freilich klingen für sich genommen bedenklich. 2,6 Tonnen Röntgenkontrastmittel haben die Klärwerke im vergangenen Jahr aus der Ruhr gefischt. Amidotrizosäure, Iomeprol, Iohexol, Iopamidol und Iopromid: Schon die Namen klingen wenig appetitlich. Der Weg, auf dem die Mittel in die Ruhr gelangen, ist es noch weniger.

Nach dem Röntgen scheiden Patienten die Kontrastmittel weitgehend unverändert über ihren Urin wieder aus. Im Abwasser gelangen sie dann in die Ruhr und ihre Zuflüsse. Verabreicht werden die Substanzen in Kliniken und Radiologischen Praxen. Und das offenbar immer häufiger. Seit 2008 beobachten die Wasserwerke eine starke Zunahme der Konzentration, die sie sich nicht erklären können.

Rätseln über die Ursachen

Wahrscheinlich werde immer mehr geröntgt, vermutet AWWR-Chef Christoph Donner. Auch die älter werdende Gesellschaft könne eine Rolle spielen. Erklärlich dagegen der Anstieg der Werte flussabwärts: Die Ruhr spült die Mittel vor sich her. Die größte Konzentration findet sich in Mülheim.

Röntgenkontrastmittel enthalten Jod. Bei der direkten Einnahme können Nebenwirkungen für Allergiker, Diabetiker, Nierenkranke und Menschen mit Schilddrüsenüberfunktion auftreten. Die Langzeitwirkung geringer Dosen im Trinkwasser sind aber weitgehend unbekannt.

Urin in Spezialbeuteln sammeln

Drei der fünf gefundenen Kontrastmittel überschreiten bereits den internen Schwellenwert von einem Mikrogramm pro Liter Ruhrwasser. Nach dem Klärvorgang bleibt im Trinkwasser zwar kaum etwas davon. Dennoch machen sich die Wasserwerke Sorgen. Denn Röntgenkontrastmittel können wegen ihrer chemischen Eigenschaften nicht noch stärker herausgefiltert werden. „Selbst an den modernsten Filtern bleibt nicht mehr haften“, so Christoph Donner.

Deshalb geht die Wasserwirtschaft nun in die Offensive, will Hersteller, Kliniken, Ärzteverbände und das NRW-Umweltministerium ins Boot holen. Die Kontrastmittel sollen erst gar nicht in die Ruhr gelangen. Der Urin könne ja in Spezialbeuteln aufgefangen werden. Kosten pro Patient: fünf bis zehn Euro. Bei der Finanzierung müsse das Verursacherprinzip gelten. Donner: „Wer die Substanzen einbringt, muss die Entsorgung bezahlen.“

 
 

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