Richter gehen in die Schulen

Justizminister Thomas Kutschaty will den Rechtskundeunterricht an Schulen entrümpeln. Foto: Uwe Schaffmeister / WAZ Fotopool
Justizminister Thomas Kutschaty will den Rechtskundeunterricht an Schulen entrümpeln. Foto: Uwe Schaffmeister / WAZ Fotopool
Foto: Uwe Schaffmeister / WAZ Fotopool

Düsseldorf..  Abzocke auf dem Schulhof oder überzogene Handyrechnungen: Der freiwillige Rechtskunde-Unterricht an den NRW-Schulen bekommt für das neue Schuljahr eine inhaltliche Auffrischung. Dies kündigte Justizminister Thomas Kutschaty (SPD) in Düsseldorf an.

Wenn sich Ulrike Schultz vor 30 Jahren mit ihren Schulklassen juristischen Fragen näherte, spürte sie die Nachwirkungen damals angesagter US-Gerichtsfilme. Gravitätische Gesten und Floskeln wie „Euer Ehren“ prägten das Bild der Jugendlichen von Justitia. Man habe im Rechtskunde-Unterricht getrost 15-minütige, behäbig erzählte Lehrfilme zeigen können, erinnert sich die Wissenschaftlerin der Fernuniversität Hagen.

Heute hingegen symbolisierten Dauerbrenner des Privatfernsehens wie „Richterin Barbara Salesch“ die deutsche Gerichtsbarkeit. Die Aufmerksamkeitsspanne der Schüler sei zudem auf Clip-Länge geschrumpft. Und weil sich die selbst erlebten Rechtsprobleme von Teenagern dramatisch gewandelt hätten, will der neue NRW-Justizminister Thomas Kutschaty (SPD) den freiwilligen Rechtskunde-Unterricht zum Schuljahresstart am Montag generalüberholt präsentieren.

Abzocke auf dem Schulhof

Überzogene Handy-Rechnungen, Geschäfte per Mausklick im Internet, Abzocke auf dem Schulhof oder K.o.-Tropfen in der Disco: „Die Gefahren im Alltag in rechtlicher Hinsicht haben sich erheblich verändert“, erklärt Kutschaty. Der Rechtskunde-Unterricht, der in zwölf Doppelstunden 15 bis 17 Jahre alten Schülern von Praktikern wie Richtern, Staatsanwälten und Rechtsanwälten erteilt wird, müsse sich dieser neuen Realität stellen.

Ein neuer Internetauftritt (www.rechtskunde.nrw.de) mit aktuellen Arbeitsmaterialien sowie zeitgemäßen Beispielfilmen soll das Unterrichtsfach, das als Zusatzqualifikation auf dem Zeugnis vermerkt wird, entstauben. Das Interesse ist groß: Rund 1000 Schulen haben in Zusammenarbeit mit den 19 Landgerichten in NRW Rechtskunde-Arbeitsgemeinschaften eingerichtet. Der Einsatz von rund 800 Dozenten kostet das Land pro Jahr rund 600 000 Euro.

Überforderung der Stundenpläne

„In den letzten Jahren hat man sich von Seiten der Justiz wenig um den Rechtskundeunterricht gekümmert“, kritisiert Kutschaty. Das will der Essener ändern. Er könne sich sogar einen obligatorischen Rechtskunde-Unterricht für alle Schüler vorstellen, sagt Kutschaty. Allerdings weiß er um die Sorge vor einer Überforderung der Stundenpläne.

Die Lehrer-Gewerkschaft GEW begrüßte die Renovierung des Rechtskunde-Unterrichts. Das Fach erfreue sich seit Jahren großen Zuspruchs, erklärte GEW-Sprecher Berthold Paschert. Es sei gut, wenn im Klassenraum neben Profis für das Lernen auch Experten wie Richter und Anwälte eingebunden würden. Allerdings warnte er davor, „Schule zu überfrachten mit gesellschaftlichen Ansprüchen“.

Neue Fächer

Seit Jahren werden Forderungen nach immer neuen Fächern erhoben, die in den Lehrplan integriert werden sollen. An NRW-Realschulen etwa wird nach jahrelanger Debatte demnächst die Möglichkeit eingeräumt, ein eigenständiges Schulfach Wirtschaft anzubieten.

Immer wieder hatten Unternehmen „ökonomischen Analphabetismus“ der Jugend beklagt. Diskutiert wird ebenfalls schon länger ein „Gesundheitsunterricht“, mit dem Ärzte bewegungsfaule Teenager auf Trab bringen sollen. Keinen größeren Nachhall hatte indes die Idee des früheren Bundesbauministers Kurt Bodewig (SPD), der vor knapp zehn Jahren das Curriculum mit einer persönlichen Leidenschaft bereichern wollte: Bauwesen.

Rechtskunde wird als zusätz­licher Unterricht in Arbeits­gemeinschaften auf freiwilliger Basis an allen weiterführenden Schulformen in Nordrhein-Westfalen für die Klassenstufen 9 und 10 erteilt. Neben den Lehrfilmen im Internet stehen den Arbeitsgemeinschaften 16 Staats­anwälte als Berater für „strafrechtliche Fragen zum Rechtsextremismus“ bereit. „Das Projekt steht erst an seinem Anfang und wird in den ­kommenden Jahren weiter ausgebaut“, sagte Kutschaty.

 
 

EURE FAVORITEN

Deshalb gibt es den Aldi-Äquator

Deshalb gibt es den Aldi-Äquator

Beschreibung anzeigen