Hipster-Nazis sammeln Geld, um Rettungen im Mittelmeer zu stören

Mit der „Aquarius“ retten die Organisationen „SOS Mediterranee“ und „Ärzte ohne Grenzen“ Menschen aus dem Meer. Das Schiff war das erste, das von Rechtsextremen gestört wurde.
Mit der „Aquarius“ retten die Organisationen „SOS Mediterranee“ und „Ärzte ohne Grenzen“ Menschen aus dem Meer. Das Schiff war das erste, das von Rechtsextremen gestört wurde.
Foto: Paolo Manzo / imago/ZUMA Press
Geld sammeln, um die Arbeit von rettenden Schiffen auf dem Meer zu boykottieren? Hipster-Nazis feiern ein erfolgreiches Crowdfunding.

Ragusa.  Das Wetter war herrlich, als das internationale Grüppchen sich im Hafen von Ragusa auf Sizilien traf. Fotos zeugen davon, in denen vermeintlich coole junge Menschen vom weißen Deck in die Kamera lächeln, die Ray-Ban-Sonnenbrille wird eigens erwähnt, und von „Abenteuer“ ist zu lesen. Das Abenteuer war, ein Schiff zu behindern, das im Einsatz ist, um Menschen vor dem Ertrinken zu retten. Jetzt haben Rechtsextreme mehr als 60.000 Euro Spenden sammeln können, um die Aktion fortzusetzen. Sie haben sich aber vielleicht zu früh gefeiert.

Franzosen waren da, der Chef der italienischen Sektion der Gruppe natürlich, Österreich war stark vertreten, und eine attraktive Blondine der Alt-Right-Bewegung aus Übersee war auch dabei am 12. Mai, als es zum ersten Zusammenprall mit Seenot-Rettern kam: Die Organisation „SOS Mediterranee“ twitterte davon: „Vier Aktivisten haben vergangene Nacht versucht, die Aquarius beim Auslaufen zur Menschenrettung zu behindern.“ Die Küstenwache sei gekommen und habe das Boot der Störer kassiert.

Hilfsorganisationen „das Handwerk legen“

Einer der österreichischen Wortführer der vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestuften „Identitären Bewegung“ bestätigte das auch: „Unser Schiff wurde konfisziert“, schrieb er auf Instagram zu einem Foto. „Gebt uns eins und wir lichten wieder den Anker.“ Sein in einem Video so großspurig wie unverblümt ausgesprochenes Ziel: „Wir werden ihnen das Handwerk legen.“ „Ihnen“, das meint Organisationen wie „SOS Mediterranee“, „MoAS“, „Sea-Watch“, „Jugend rettet“ oder „Ärzte ohne Grenzen“, die mit Helfern auf dem Mittelmeer kreuzen.

Um eine Rechtfertigung für ihre Störaktionen zu haben, sprechen die rechten Aktivisten den Organisationen ab, im humanitären Einsatz zu sein, und nennen sie konsequent „Schlepper“. Die Rechtsextremen geben in Diskussionen sogar zynisch vor, sie würden Menschen retten wollen.

Ihr Schlauchboot war nach dem Störmanöver gegen die „Aquarius“ noch nicht richtig konfisziert, da war wohl schon die Idee geboren, Geld zu sammeln für eine Fortsetzung. Zwei Tage später war eine Webseite online, die dafür warb, ein Aufruf wurde hundertfach geteilt. Anfang Juni waren dann nach eigenen Angaben mehr als 65.000 Euro auf einem österreichischen Konto zusammengekommen, – bei einem früheren Ziel von 50.000 Euro. Das Geld sei vorgesehen für das Chartern eines Schiffs, für Material und für Anwälte.

„Fürs Establishment vielleicht Mörder“

Die Wortführer lassen sich auf Twitter durchaus auch auf Diskussionen mit scharfen Kritikern ein. Die Argumentation ist zum Teil zynisch: „Man bekämpft das Sterben im Meer, indem man die Schlepper-NGOs stoppt. Keine Menschen im Meer, kein Ertrinken“, antwortet dort einer. „In den Augen des Establishments“ werde man damit vielleicht zu Mördern, aber die Bevölkerung stehe hinter der Aktion. Die Antwort darauf: „Du denkst wirklich, die Mehrheit möchte, dass man hilft, Menschen ertrinken zu lassen? Lügen gehört zu eurer Identität.“

Die EU-Grenzschutzagentur Frontex hält den Nichtregierungsorganisationen vor, dass sie im Kalkül der Menschen in den Booten und vor allem der kriminellen Schlepper eine wichtige Rolle spielen. Ein italienischer Staatsanwalt hat kleineren Hilfsorganisationen sogar eine Zusammenarbeit mit libyschen Schleppern vorgeworfen. Boote mit Migranten sind in immer schlechterem Zustand und gar nicht mehr ausgelegt für eine Fahrt über das Mittelmeer.

Die Erwartung ist, dass wohl schon nach wenigen Kilometern ein Boot einer Hilfsorganisation kommen und die Menschen aufnehmen wird. Das könne auch die Entscheidung für eine Flucht bestärken. Wissenschaftler der Universitäten Oxford und Berkley sind dagegen zu dem Schluss gekommen, dass es diesen Magnet-Effekt nicht gibt. Die Organisationen drehen den Spieß um. Sea-Watch kritisierte: „Rettungsmissionen untergraben das Konzept des Sterbenlassens“, das der Abschreckung diene.

Anteil Ertrunkener ist gestiegen

Die Rettungsmissionen sind auch eine Reaktion darauf, dass schon vorher Menschen auf dem Weg nach Europa im Mittelmeer ertrunken sind und EU-Missionen zurückgefahren wurden. Die Bedeutung der Route über Libyen hat zudem zugenommen, seitdem die Landwege nach Europa abgeriegelt sind.

Nach Zahlen der Internationale Organisation für Migration (IOM), einer UN-Agentur, sind in Italien in den ersten fünf Monaten 2017 fast 50 Prozent mehr Menschen in Italien angekommen als im Vorjahreszeitraum – 60.000 gegenüber 40.000. Zugleich kommt kaum noch jemand über das östliche Mittelmehr nach Griechenland: 160.000 Menschen waren es bis Ende Mai 2016, in diesem Jahr nur rund 7000.

Es sind also insgesamt viel weniger Menschen über das Meer nach Europa gelangt, und wenn, dann über die viel gefährlichere Route im zentralen Mittelmeer. Die Folge ist: Prozentual hat es mehr Tote gegeben. Die Rechtsextremen basteln sich daraus verkürzt ein Argument gegen Einsatz von Schiffen wie der „Aquarius“. Die Menschen würden zunehmend in den Tod gelockt. Man rette also Leben, wenn man die Arbeit der Rettungsschiffe unmöglich mache.

Schiffsmiete gestaltet sich schwierig für Rechtsextreme

Diese Rettungsschiffe haben es geschafft, dass die IOM in diesem Jahr im zentralen Mittelmeer deutlich weniger Tote gezählt hat als 2016. 1481 Tote wurden registriert gegenüber 1851 Toten in den ersten Monaten 2016. Die Schiffe wurden aber auch bisher nicht von Rechtsextremen auf „Abenteuer-Trip“ mit Ray-Ban gestört ...

Es ist aber auch trotz der Spendensumme noch nicht ausgemacht, dass die selbsterklärten Verteidiger Europas in den Kampf gegen die Schiffe ziehen können. Auf Facebook deuten sie Probleme an: „Wir haben das Geld, wir haben eine Crew und wir haben eine Mission.“ Aber es werde sehr schwierig, jemanden zu finden, der ihnen ein Schiff vermietet.

 
 

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