Reaktor nicht unter Kontrolle

Susanne Steffen
Es sah schon fast so aus, als hätten die Techniker das Unmögliche geschafft. Die Temperatur in den Reaktoren des havarierten Atomkraftwerks schien unter Kontrolle. Die Lage in Fukushima sei weiter ernst, entwickele sich aber positiv, bestätigte die internationale Atomenergiebehörde IAEA. Arbeitern, Ingenieuren, Feuerwehrleuten war es gelungen, neue Stromleitungen zu den zerstörten Reaktoren zu legen.

Tokio. Es sah schon fast so aus, als hätten die Techniker das Unmögliche geschafft. Die Temperatur in den Reaktoren des havarierten Atomkraftwerks schien unter Kontrolle. Die Lage in Fukushima sei weiter ernst, entwickele sich aber positiv, bestätigte die internationale Atomenergiebehörde IAEA. Arbeitern, Ingenieuren, Feuerwehrleuten war es gelungen, neue Stromleitungen zu den zerstörten Reaktoren zu legen.

Doch am Montag gab es wieder Rückschläge: Um 15.55 Ortszeit wurde trotz andauernder Kühlversuche mit Wasserwerfern schwarzer Rauch in Block 3 des Kraftwerks entdeckt. Drei Stunden später war der Rauch, der sich vermutlich über dem Abklingbecken gebildet hatte, nicht mehr zu sehen. Aus Sicherheitsgründen wurden vorerst alle Arbeiter abgezogen. Kaum hatte sich der Rauch verzogen, wurde weißer Rauch über Block 2 entdeckt. Die Radioaktivität sei allerdings nicht gestiegen, erklärte die japanische Atomsicherheitskommission. Dennoch zeigen diese Entwicklungen, wie kritisch die Lage immer noch ist.

Evakuierung gefordert

Der Ruf nach Evakuierungen wird daher lauter. Vor allem Schwangere und Kinder müssten jetzt in Sicherheit gebracht werden, forderte der Atomfachmann Mycle Schneider. „Es ist unverantwortlich, jetzt tendenziell Entwarnung zu geben. Die Lage in Fukushima ist wahnwitzig instabil.“ Es sei weiter nicht auszuschließen, dass es zu einer Kernschmelze oder zu schweren Dampfexplosionen kommt, wodurch weite Landstriche verseucht werden könnten.

Die Kritik an der Betreiberfirma Tebco, der auch vor der Katastrophe immer wieder Nachlässigkeit bei der Wartung ihrer Meiler vorgeworfen wurde, nimmt zu. Die japanische Atomaufsicht hatte bereits am 2. März, neun Tage vor dem Erdbeben, unterlassene Inspektionen an der Anlage anprangert. Ob dies aber eine Ursache für das Unglück sein könnte, ließ die Behörde offen. „Wir müssen die Untersuchung abwarten“, hieß es.

Verstrahlte Lebensmittel

In der Bevölkerung wächst die Angst vor verstrahlten Lebensmitteln. Nachdem am Wochenende erstmals erhöhte Werte in Spinat und Milch gemessen wurden, hat die Regierung am Montag Restriktionen für die Ausfuhr belasteter landwirtschaftlicher Produkte aus vier Präfekturen in Reaktornähe verhängt. Sie bekräftigte allerdings, die Strahlenwerte stellten kein unmittelbares Gesundheitsrisiko dar.

Auch im Tokioter Trinkwasser wurden leicht erhöhte Werte gemessen. Das Wasser sei dennoch sicher, erklärten die Behörden. In Fernseh-Interviews forderten verunsicherte Supermarktkunden detailliertere Informationen über die Strahlenbelastung und mögliche Auswirkungen auf die Gesundheit.

Eine ungünstige Wetterlage verschärft die Lage. Den ganzen Montag blies ein schwacher Nordostwind die radioaktive Fahne auf Tokio zu, zudem regnete es heftig. Nach Angeben des Deutschen Wetterdienstes soll der Wind erst im Laufe des Dienstags wieder auf Westen drehen, was die Partikel über den Pazifik treiben würde.

Kinder suchen ihne Eltern

Im Katastrophengebiet um die Stadt Sendai im Norden wird das Ausmaß der menschlichen Tragödie immer deutlicher. In vielen vom Tsunami betroffenen Orten lagen die Schulen auf Hügeln und blieben so von der Flutwelle verschont. In den meisten Schulen war zum Zeitpunkt des Bebens Unterricht. Viele Kinder haben seither nichts mehr von ihren Familien unten an der Küste gehört.

Experten fürchten, dass viele dieser Kinder nun Vollwaisen sind. Das japanische Fernsehen zeigte Bilder eines Grundschülers, der nach Verwandten gesucht hatte und mitansehen musste, wie die Trümmer seines Elternhauses mit einem Bagger abgerissen wurden. Der Junge brach weinend zusammen.