Putin: "Obama ist ein aufrichtiger Mensch"

Essen. Ein nächtliches Gespräch mit dem russischen Ministerpräsidenten in Dresden, in dem er erklärt, warum der Kompromiss im Gasstreit mit der Ukraine sinnvoll ist und weshalb der Kreml große Hoffnungen in den neuen US-Präsidenten setzt.

„Alles, was ich schildere, ist absolute Wahrheit“, versichert der Gast aus Moskau. Über „Erpressung“ beklagt er sich, über „Verrat“ und „technologische Barbarei“ zieht er vom Leder, „leichte Hysterieanfälle“ unterstellt er seinen widerborstigen Partnern. Für Wladimir Putin sitzen die Schuldigen für den in der Nacht zum Sonntag endlich beigelegten Streit ums Gas in der ukrainischen Regierung: „Es ist schwer zu durchschauen“, sagt der russische Ministerpräsident, wer dort welche Interessen verfolgt.“ Und ohne den Dolmetscher zu bemühen, fügt er hinzu: „Auf jeden Fall haben sie uns unser Gas geklaut.“

Lob und Kritik von der Kanzlerin

Da sitzen wir schon 80 Minuten in nächtlicher Runde beieinander. Putin präsentiert ein Zahlenfeuerwerk aus Kubikmeter-Mengen Gas und Dollarmargen, die dem Energieriesen Gazprom verloren gegangen seien. Doch dann skizziert er exakt die Lösung der Gasfehde, die er in der Nacht darauf mit seiner bezopften ukrainischen Amtskollegin Julia Timoschenko in Moskau ausgehandelt hat: Für das Transitland gelten neue Lieferpreise, die 20 Prozent unter denen europäischer Empfängerländer liegen. Die Durchleitung dieser Gasmengen durch die Verdichterstationen verantwortet ein westliches Konsortium, von dem die Ukraine wiederum dieses Gas erwirbt.

Das klingt reichlich verschlungen. Aber Putin lächelt zufrieden: „Ordnung muss sein“, ruft er auf Deutsch. Der russische Regierungschef lässt zu früher Stunde Scampi und Häppchen kommen, er selbst trinkt grünen Tee. Er ist vom Dresdner Opernball ins Taschenbergpalais geeilt, das 1709 unter August dem Starken gebaut wurde. In der Luxusherberge bewohnt der Russen-Premier die 360 Quadratmeter große Kronprinzensuite. Doch für die erlesenen Stoffe und italienischen Designermöbel hat er in diesen kurzen Nachtstunden keinen Blick.

Putin weiß um den „großen politischen Schaden“, um den Vertrauensverlust auch, den der Lieferstopp des Gases angerichtet hat. „Wir hatten keine andere Wahl“, beteuert er und wirbt um Verständnis wie Stunden zuvor auch bei Kanzlerin Merkel.

Sie habe ihn „kritisiert“, verrät er, aber auch „gelobt.“ Die Deutschen, gibt er sich sicher, müssten sich „keine Sorgen“ machen, in der Kälte zu sitzen.

Fragwürdige Ehren

In Dresden ist Putin willkommen. Sie haben ihm den sächsischen Dankesorden in 18 Karat Gold überreicht, den Heiligen Georg zu Pferde, der für den Sieg des Guten steht. Einen Orden für den einstigen KGB-Offizier Putin, der hier in Dresden von 1985-90 in der „Platte“ an der Radeberger Straße wohnte und bei den Bürger-Demos die sowjetische Residentur in der Angelikastraße mit der Waffe in der Hand verteidigen wollte?! Mancher hat die Nase gerümpft. Aber Sachsens Regent Stanislaw Tillich, Ministerpräsident mit „Systemnähe“ aus der einstigen Blockflötenpartei CDU, verteidigt tapfer die Ehrung: Putin habe für die Rückführung dreier Beute-Gemälde aus sächsischem Besitz gesorgt. Na bitte . . .

Der hat inzwischen den bürgerlichen Smoking mit dem grauen Dienstanzug getauscht. Gern hätte er seine einstige Bierkneipe „Am Thor“ aufgesucht. Schließlich sei er „mit besonderen Gefühlen“ nach Dresden gekommen, bekennt er. 1986 ist seine zweite Tochter Katja hier zur Welt gekommen. Morgens hat er sie in die Krippe gebracht, bevor er unter dem Decknamen „Adamov“ Spitzel für den KGB anzuwerben suchte. Nicht immer mit Erfolg, wird berichtet: Einer seiner Schützlinge lief prompt zu den westdeutschen Schlapphüten über . . .

Komplexbeladen

Jetzt, im nächtlichen Gespräch, hören wir vom Staatsmann Putin, dass er den neuen US-Präsidenten für einen „aufrichtigen Menschen“ hält. Nein, Kontakt habe es noch keinen gegeben, man müsse nun sehen, „was in der Praxis passiert“. Hoffnungsvoll seien Obamas „an uns gerichteten Signale“, sagt Putin: Die Raketenabwehr (in Polen) halte der Neue offenbar „für nicht so wichtig“. Im Umgang mit der Ukraine gäbe es „auch andere Methoden als den Nato-Beitritt“. Und „Gemeinsamkeiten“ entdeckt der russische Regierungschef auch bei der „Verhinderung des Wettrüstens.“ All’ das stimmt hoffnungsfroh, auch wenn Putin überhaupt nicht euphorisch wirkt, sondern die Lage mit starrem Blick analysiert.

Da sitzt ein Mann, der sein großes Land als nicht anerkannt empfindet. „Wir wollen mit Allen gute Beziehungen“, sagt der russische Regierungschef, „wir bringen unseren Partnern Respekt und Hochachtung entgegen. Aber auch wir erwarten Respekt.“ Das klingt nach Floskel, lässt aber auf tief sitzende Komplexe schließen: „Drucken Sie, was Sie wollen“, entfährt es ihm, „aber unsere Position ist eine absolut gerechte.“

Es ist spät geworden, als sich Putin verabschiedet. Sechs Stunden schlafe er sonst, sagt er, „jetzt bleiben mir noch dreieinhalb.“

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