NRW ist Schlusslicht bei der Betreuungsquote an Hochschulen

Seit Jahren wächst die Zahl der Studierenden in NRW. Dagegen blieb die Zahl der Professoren nahezu gleich. Die Hochschulen befürchten, dies könne sich auf die Qualität der Lehre auswirken.
Seit Jahren wächst die Zahl der Studierenden in NRW. Dagegen blieb die Zahl der Professoren nahezu gleich. Die Hochschulen befürchten, dies könne sich auf die Qualität der Lehre auswirken.
Foto: Ingo Otto / WAZ FotoPool
Die Zahl der Hochschullehrer hält mit dem Studentenzuwachs nicht Schritt. Nirgendwo muss ein Professor mehr Studierende betreuen als in NRW.

Essen.. Lange Studienzeiten, hohe Abbrecherquoten, überfüllte Seminare und Laborplätze – und Zeit für eine Sprechstunde mit seinen Studenten hat der Professor auch kaum. Ein Grund dafür ist, dass ein Professor in NRW immer mehr Studierende betreuen muss. In keinem anderen Bundesland ist die sogenannte Betreuungsquote so schlecht wie in Nordrhein-Westfalen – und nirgendwo hat sie sich seit 2010 so gravierend verschlechtert (siehe Grafik). Das geht aus den Zahlen des NRW-Wissenschaftsministeriums hervor, das damit auf eine Anfrage der FDP-Landtagsfraktion antwortete.

Zahl der Studenten in NRW erneut gestiegen

Betreute ein Professor in NRW im Jahr 2010 noch 70,43 Studierende, waren es 2014 bereits 86,78. Ursache dafür ist der rasante Zuwachs von Studierenden durch den doppelten Abiturjahrgang 2013 sowie die wachsende Studierneigung der Schulabgänger. Die Zahl der Professorenstellen hielt mit dieser Entwicklung nicht Schritt. An einigen Unis liegt die Betreuungsquote sogar bei über 100 Studierenden pro Professor.

Insgesamt liegt NRW damit deutlich über dem Bundesdurchschnitt von 71,87 Studierenden je Professor. Die erneut gestiegene Studierendenzahl zum aktuellen Wintersemester 2016/17 auf 763 400 Studierende (plus 2,5 Prozent) dürfte sich erneut negativ auf die Quote auswirken. „Für die Studienqualität an den NRW-Hochschulen ist das eine regelrechte Katastrophe“, kritisiert Angela Freimuth, hochschulpolitische Sprecherin der FDP-Landtagsfraktion und fordert von der Landesregierung eine „Qualitätsoffensive“.

Land gibt eine Milliarde mehr

Damit habe das Land längst begonnen, kontert das NRW-Wissenschaftsministerium. Derzeit würden jährlich gut eine Milliarde Euro zusätzlich an die Hochschulen fließen. Mit den Rektoren sei vereinbart, dass die Hälfte davon in Personal investiert werde. Da die Zusatzmittel bislang aber nur befristet ausgezahlt wurden (Hochschulpakt), schufen die Hochschulen sicherheitshalber auch nur befristete Stellen. 80 Prozent des wissenschaftlichen Personals hat nach Angaben der Landesrektorenkonferenz (LRK) befristete Verträge.

Um besser planen zu können, sollen die Hochschulen ab 2017 unbefristete Zusatzmittel erhalten, so das Ministerium. Die „Hochschulvereinbarung 2021“ sehe vor, dass die Hochschulen zunächst 50 Millionen Euro auf die Grundfinanzierung erhalten. Dieser Betrag wächst pro Jahr um weitere 50 Millionen, so dass 2021 insgesamt 250 Millionen Euro zusätzlich fließen.

6500 Euro pro Student

Im übrigen ist die beklagte Betreuungsrelation nach Ansicht des Ministeriums kein relevantes Kriterium für die Qualität der Lehre. Das Verhältnis von Angebot und Nachfrage werde durch die „Kapazitätsplanung“ gesteuert. Wo es in Schieflage gerät, greife ein Orts-NC, also eine Zulassungsbeschränkung für den Studiengang. Die Zahl der Orts-NC sei aber zuletzt deutlich gesunken auf nunmehr 46,8 Prozent aller Studiengänge. Dies weise darauf hin, dass, wie Ministerin Svenja Schulze (SPD) versichert, „die Qualität der Lehre an den Hochschulen gewährleistet ist“. Die „Kopfzählung“ beim Lehrpersonal sage wenig aus über die Betreuungsqualität, diese Kennzahl sei daher „ungeeignet und verzichtbar“, urteilt das Ministerium.

Ganz anders sehen das die Hochschulrektoren. Sie erkennen zwar die zusätzlichen finanziellen Anstrengungen des Landes an, das könne aber nur der „Einstieg in die Verbesserung der Grundfinanzierung“ sein. Während die Zahl der Studierenden seit 2010 um über 40 Prozent gestiegen ist, wurde die Grundfinanzierung nur um 21 Prozent erhöht, rechnet die LRK vor. Pro Student gaben die Bundesländer 2013 im Durchschnitt 8080 Euro aus, mit über 10 000 Euro sind Niedersachsen und Hamburg Spitzenreiter, so die LRK. Mit nur knapp 6500 Euro belege NRW wieder einen letzten Platz.

Unterschiedliche Betreuungsverhältnisse an den Hochschulen

Das Betreuungsverhältnis ist von Hochschule zu Hochschule unterschiedlich. Das liegt auch am Fächerangebot. In „Massenfächern“ wie Betriebswirtschaftslehre, Jura oder Sozialwissenschaften ist die Relation schlechter als etwa in Sinologie oder Mineralogie. Technische Fächer erfordern einen höheren Lehraufwand als „Buchwissenschaften“.

Beispiele: An der Uni Bonn betreut ein Professor 72 Studenten. Uni Siegen: 1 zu 83. Uni Münster: 1 zu 84. Uni Duisburg Essen: 1 zu 89. Uni Köln: 1 zu 95. Uni Aachen 1 zu 102. Ruhr-Uni Bochum: 1 zu 104. TU Dortmund: 1 zu 118. An den Fachhochschulen ist die Relation durchweg deutlich günstiger. Die Zahlen von IT.NRW beziehen sich auf das Jahr 2015.

 
 

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