Präsident Wulff fremdelt bei Essener Kindern

Hayke Lanwert und Theo Schumacher
Das größte Bundesland kommt zum Schluss: Bei seinem Antrittsbesuch in NRW wirkte Bundespräsident Christian Wulff bisweilen zurückgenommen bis steif. In einer Kita fand er keinen Draht zu den Kindern - smart und freundlich gab er sich auf Zollverein.

Essen/Düsseldorf. Hier, am Rednerpult im Essener Sanaa-Gebäude stehend, fühlt er sich wieder sichtlich wohler. Blickt seinem Publikum direkt in die Augen, lächelt charmant und findet die richtigen Worte. Ein Bundespräsident auf Antrittsbesuch in Nordrhein-Westfalen. Es ist der letzte von 16 in den Bundesländern, Christian Wulff nennt das den „krönenden Abschluss“.

Gegen 14 Uhr prescht die Motorradstaffel der Polizei am Weltkulturerbe Zeche Zollverein vor, gefolgt von seiner BMW-Limousine mit dem Kennzeichen 0-1. Die Kinder des Kinder- und Familienzentrums „Blauer Elefant“ bestaunen eben noch die vorbeiröhrenden Motorräder, um dem Präsidenten dann winkend ein Ständchen zu bringen: „Liebe Sonne komm doch runter und zeig Dein Gesicht ...“

Im „Blauen Elefanten“ soll Christian Wulff einen Eindruck davon gewinnen, wie gute Familienarbeit an einem sozialen Brennpunkt aussieht. 120 der Kinder, die im Zentrum betreut werden, erhalten staatliche Leistungen. Und so ist es weit mehr als eine Kindertagesstätte, es unterstützt auch die Eltern. Die Kleinen nun haben mit ihren Erzieherinnen für den Bundespräsidenten ein Theaterstück vorbereitet. Doch der, obschon selbst Vater, fremdelt. Während die ihn begleitende Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) mühelos und locker mit den Kindern ins Gespräch kommt. „Wie heißt Du?“ – „Ich heiße Hannelore und Du?“ – „Ich heiße Salwa!“, wirkt Christian Wulff an dieser Stelle zurückgenommen bis steif. Wie einer, der sich fehl am Platz fühlt.

Smart und freundlich – ein beliebtes Fotomotiv

Entspannter erlebt man ihn, als er sich auf der Kohlenwäsche von Zeche Zollverein ins Gästebuch der Stadt Essen einträgt, ins sogenannte Stahlbuch. Da ist er wieder der Wulff, den man kennt. Smart und freundlich. Unzählige Handykameras werden gezückt – mancher Besucher des Ruhrlandmuseums ist von der Begegnung völlig überrascht.

Im Sanaa-Gebäude spricht Wulff schließlich vor geladenen Gästen, Ehrenamtlern vor allem und betont deren Bedeutung: „Man kann gar nicht genug wertschätzen was in unserem Land ehrenamtlich und freiwillig geleistet wird!“, sagt Wulff und lobt, wie entscheidend diese Arbeit für unsere Zivilgesellschaft ist.

Als Bundespräsident sei es ihm jedoch sehr wichtig, dass dieses Land attraktiv für die Welt sei, dass es attraktiver für Zuwanderer werde. Es brauche Migranten. Für alle, Einheimische wie Zugewanderte, gelte jedoch das Grundgesetz als Richtschnur, „dem sich alle unterordnen müssen“.

„Dicke Bretter bohren“

Ein gutes Jahr ist Christian Wulff inzwischen im Amt. Einer seiner ersten Auftritte war der bei der Trauerfeier für die Loveparade in Duisburg. Ein Ereignis, eine Erfahrung, die ihn mit Hannelore Kraft verbinde. Sie beide hätten bis heute Kontakt zu den Angehörigen der Opfer. Zu der Mutter aus Italien, zu dem Vater, der sein totes Kind nach Australien mitnehmen musste. Wulff: „Das sind Dinge, die uns unser Leben lang begleiten werden!“

In Düsseldorf ist der Bundespräsident an diesem Morgen in der Heinrich-Heine-Universität und im Landtag. Über den roten Teppich, der dort ausgerollt liegt, ist schon die Queen gelaufen. Das war 2004. Seitdem war das vom Hause Windsor geadelte Stück eingemottet in den Tiefen des Parlamentsgebäudes, bis man sich in der Verwaltung zum Antrittsbesuch von Bundespräsident Christian Wulff seiner Existenz erinnerte.

Im Plenarsaal läuft das Schülerprogramm: wie funktioniert ein Parlament? Und Wulff hinterlässt den Jugendlichen schnell noch einige Tipps für die erfolgreiche Politiker-Karriere. Drei Anläufe habe er gebraucht, um Ministerpräsident in Niedersachsen zu werden: „Man muss bereit sein, dicke Bretter zu bohren.“