Polizisten nannten Tunnel schon „Todesfalle“

Ein Polizist steht am ehemaligen Güterbahnhof vor dem Tunnel.
Ein Polizist steht am ehemaligen Güterbahnhof vor dem Tunnel.
Foto: ddp

Duisburg. Es sollte eine Parade der Liebe werden, es endet in einem Desaster. 19 Menschen sterben, 340 weitere werden verletzt. Und am Tag nach der Loveparade von Duisburg, nach der Massenpanik, dreht sich alles um diese eine Frage: Wer trägt die Verantwortung?

Noch am Morgen danach kreist der Hubschrauber, ziehen letzte Polizeieinheiten ab. Und während die Staatsanwaltschaft Duisburg bereits ihre Ermittlungen aufgenommen hat und das Rathaus durchsucht, formuliert Loveparade-Organisator Rainer Schaller auf einer Pressekonferenz seine Gefühle: „Ich bin in tiefer Trauer. Meine Worte reichen nicht aus, das Maß meiner Erschütterung zu erklären. Mein Mitgefühl gehört den Angehörigen.“ Schaller verkündet im gleichen Atemzug das Aus der Loveparade: „Aus Respekt vor den Opfern!“

Worte der Trauer hat wenig zuvor auch Duisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU) gefunden. „Die Opfer und ihre Angehörigen können sich des Mitgefühls aller Duisburger sicher sein.“ Am Nachmittag endlich weiß man mehr über diese Opfer, die zwischen 20 und 40 Jahre alt sind. Fünf von ihnen kommen nach Informationen des Innenministeriums aus dem Ruhrgebiet, zwei aus Gelsenkirchen, drei weitere aus Castrop-Rauxel, Lünen und Hamm. Sieben reisten von weither an, aus Italien, Australien, Holland, Spanien, Bosnien und China, die anderen vor allem aus NRW.

Die Pressekonferenz mit den Verantwortlichen, mit OB Sauerland, mit dem stellvertretenden Polizeipräsidenten von Schmeling, Sicherheitsdezernent Wolfgang Rabe und Loveparade-Organisator Rainer Schaller im Duisburger Rathaus gerät jedoch zu einer peinlichen Veranstaltung. Nur wenige der Fragen mögen die Verantwortlichen beantworten, immer wieder verweisen sie auf die laufenden Ermittlungen der Staatsanwaltschaft. Auch am Tag nach der Katastrophe verteidigen sie ihr Sicherheitskonzept für die Veranstaltung, zu der in den vergangenen Jahren jeweils mehr als eine Million Raver kamen.

Polizeibeamte hätten von „Todesfalle“ gesprochen

Dass das Gelände maßgeblich nur über einen Eingang, einen 120 Meter langen Tunnel, verfügte, steht dabei zentral in der Kritik. Schon bei der Vorbereitung der Veranstaltung hätten Polizeibeamte aus ganz NRW vor dem zu engen Tunnelzugang gewarnt, hätten von einer „Todesfalle“ gesprochen, so ein Beamter gegenüber der WAZ. So sei auch im Gespräch gewesen, den Zugang auf das Gelände über die Autobahn 59 zu legen. „Für eine große Lösung, die solchen Menschenmassen angemessen gewesen wäre, fehlte wohl das Geld und der Mut“, so der Polizist. Auch der Direktor der Duisburger Feuerwehr soll davor gewarnt haben, die Party auf dem Gelände des alten Güterbahnhofs stattfinden zu lassen.

Unstimmigkeiten gab es über die Teilnehmer-Zahl. Während am Samstag von den Organisatoren die Zahl von 1,4 Millionen genannt wurde, war auf der Pressekonferenz lediglich von 150 000 Besuchern die Rede. Nach Bahnangaben seien nur rund 105 000 Menschen per Zug nach Duisburg gereist.

Die 1989 in Berlin initiierte Loveparade war 2007 ins Ruhrgebiet geholt worden. Nach außerordentlich erfolgreichen Veranstaltungen in Essen und Dortmund mit jeweils über eine Million Gästen hatte Bochum im vergangenen Jahr aus Sicherheitsgründen abgesagt.

Auf Duisburg lag wegen des Kulturhauptstadtjahres 2010 starker politischer Druck. Als ausgesprochenes Jugend-Event war es trotz finanzieller Probleme der Stadt forciert worden. Ruhr 2010-Chef Fritz Pleitgen erklärt sichtlich betroffen: „Sicherheit war vorher nicht das viel diskutierte Thema. Es ging immer nur um Geld. Ich frage mich, was ich gesagt hätte, wenn ich vorher von der Existenz des Tunnels gehört hätte.“

 
 

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