Pflege daheim funktioniert oft nur mit Schwarzarbeit

In Deutschland herrscht Pflegenotstand. Professionelle Pflegekräfte sind sehr gefragt.
In Deutschland herrscht Pflegenotstand. Professionelle Pflegekräfte sind sehr gefragt.
Foto: Monika Kirsch / WAZ FotoPool
Ohne die Hilfe osteuropäischer Pflegerinnen wären viele Familien aufgeschmissen. Wohlfahrtsverbände üben Kritik an der Situation. Sie meinen, die Politik toleriere die Schwarzarbeit, weil sie kein Konzept gegen den Pflegenotstand habe.

Essen. Bis zu 200.000 Frauen aus Osteuropa arbeiten illegal als Rundum-Betreuerinnen älterer Menschen in deutschen Familien. Der Präsident des Caritasverbandes, Peter Neher, macht eine „Politik des Wegschauens“ dafür verantwortlich. „Die Politik drückt sich, aktiv zu werden, weil sie mit der Situation gut leben kann“, so Neher zur WAZ. Dabei seien diese Frauen weder kranken- noch unfallversichert, würden für sie keine Steuern gezahlt.

Osteuropäische Hilfen werden meist dann eingesetzt, wenn alte Menschen pflegebedürftig sind und ihre Familien nicht 24 Stunden am Tag für sie da sein können. Eher selten werden die Betreuerinnen legal durch Agenturen vermittelt, meist kommen sie über persönliche Kontakte nach Deutschland. Typische Nutzer sind über achtzigjährige Frauen, die sonst im Altersheim un­tergebracht würden.

Regulär bis zu 12.000 Euro im Monat

Würde man eine 24-Stunden-Betreuung über einen ambulanten Pflegedienst regeln, lägen die Kosten bei bis zu 12.000 Euro im Monat, sagen Experten. Die Osteuropäerinnen ar­beiten für einen Bruchteil.

„Die jetzige Situation hat gravierende Folgen für alle Beteiligten“, erklärt Neher. So steckten die deutschen Familien in dem Dilemma, dass sie sich in der Grauzone von Schwarzarbeit und Steuerhinterziehung bewegen. Die Hilfen aus Osteuropa dagegen seien ihnen schutzlos ausgeliefert, auch wenn die Familien meistens gut mit ihnen umgingen. Der Caritas-Präsident fordert vereinfachte Regelungen, um solche Arbeitsverhältnisse zu legalisieren.

Waisenkinder in Herkunftsländern

Die Ursache für die vielen illegalen Arbeitsverhältnisse sei die Tatsache, dass der Staat immer noch am familiären Pflegesystem festhalte, diese Aufgabe nicht als eine gesamtgesellschaftliche begreife, erklärt Mi­chael Isfort vom Deutschen Institut für angewandte Pflegeforschung in Köln. Längst habe sich jedoch das gesellschaftliche Denken verändert, ließen sich gerade berufstätige Frauen nicht mehr allein für die Pflege der älteren Generation in die Pflicht nehmen. „Deutschland wird nicht umhin kommen, Steuermittel in die Hand zu nehmen, wie es bereits in Skandinavien geschieht“, so Isfort.

Problematisch ist für die Caritas auch die Situation in den Herkunftsländern. Für die Ukraine gebe es Schätzungen, dass durch Arbeitsmigranten in Europa „bis zu sieben Millionen Kinder und Jugendliche alleingelassen werden und verwaist sind“, so Peter Neher.

 
 

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