Personalnot bei Bahn legt Mainzer Hauptbahnhof lahm

Dietmar Seher
Der Mainzer Hauptbahnhof in diesen Tagen.
Der Mainzer Hauptbahnhof in diesen Tagen.
Foto: dpa
Die rheinland-pfälzische Landeshauptstadt Mainz ist derzeit vom Zugverkehr abgeschnitten. Der Grund: Die Stellwerker sind krank oder im Urlaub. Zahlreiche Züge können die linksrheinische Strecke um den Mainzer Hauptbahnhof nicht anfahren. Gibt es Ausfälle bald auch im Revier?

Essen. 30.000 Zuschauer erwartet Mainz 05 am Sonntag zum Saisonauftakt. Der VfB Stuttgart kommt. Ob die schwäbischen Fans aber wie geplant mit der Bahn an- und abreisen und die Mainzer rechtzeitig in die Orte der Umgebung zurückkehren können? Das ist noch ziemlich offen.

Urlaubsmeldungen und eine heftige Welle von Krankschreibungen legen Stellwerke rings um den Hauptbahnhof der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt lahm. Fernzüge werden teils bis Ende des Monats in Mainz nicht mehr halten oder direkt umgeleitet. Bis Mittwoch beschränkten sich Ausfälle noch auf Nachtstunden. Neue Krankheitsfälle in der Nacht zum Donnerstag haben die „angespannte Lage“ aber weiter dramatisiert. Jetzt gehen auch tagsüber kaum noch Züge.

Das gab es noch nie in der Bahngeschichte

Der Ausfall eines kompletten Netzabschnitts aus Krankheitsgründen ist einmalig in der Bahn­geschichte. Die Folgen für den Fahrplan sind bis nach Hamburg, Dortmund und München spürbar.

Was ist passiert? Uwe Reitz von der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft EVG in Frankfurt sieht es so: Die 12.000 Fahrdienstleiter der Bahn AG, im Schnitt 55 Jahre alt, schieben eine Million Überstunden vor sich her. Sie haben kaum die Chance, Überarbeit abzubauen, was auf ihre Gesundheit durchschlägt. Und weil bundesweit 1000 Mitarbeiter auf Stellwerken fehlen, sei Mainz „kein Einzelfall“, sagt er: „Das kann auch im Ruhrgebiet, in Köln und Düsseldorf passieren“. Die Gewerkschaft signalisiert: Die Knoten platzen, und das muss nicht auf Stellwerke beschränkt bleiben. Auch auf Loks und in den Werkstätten gebe es Engpässe. „Es fehlt an allen Ecken und Kanten an Personal“, mahnt Alexander Kirchner, der EVG-Chef.

Ist es eine Auseinandersetzung der Gewerkschaften?

In der Berliner Bahnzentrale, wo Frank Sennhenn den Netz-Chefposten angetreten hat, ist man nicht amüsiert. „Für die entstehenden Unannehmlichkeiten möchte ich mich bei unseren Kunden entschuldigen“, sagt Sennhenn. Aber Fahrdienstleiter seien „nicht unmittelbar zu ersetzen“, wenn sie wegen Krankheit ausfallen. In Mainz werde akut geholfen, im ganzen Netz die Anwerbung von neuen Kräften massiv vorangetrieben, verspricht er.

Die Lage ist ernst. Die Bundesnetzagentur lässt untersuchen, wie weit die Bahn ihrer Pflicht zur Aufrechterhaltung des Netzes nachkommt. Doch manche Stimmen im Staatsunternehmen sagen, es könne durchaus sein, dass in Mainz gerade ein neuer Konflikt der rivalisierenden Gewerkschaften EVG und GdL auf die Spitze getrieben wird. Eine Machtprobe: Wer ist stärker?