Patienten bekommen Antibiotika nur noch nach Test verordnet

BKK Nordwest und KV Nordrhein wollen die Verordnungsflut stoppen. Ärzte sollen ab 1. Januar 2017 nur wirksame Mittel verschreiben.

Essen/Berlin.. Es könnte ein Meilenstein sein im Kampf gegen multiresistente Keime: Niedergelassene Ärzte sollen künftig nur noch Antibiotika verordnen, die Patienten nachweislich helfen. Ohne vorherigen Wirksamkeitstest soll kein Mittel mehr verschrieben werden.

So steht es in einem frisch unterschriebenen Vertrag zwischen dem BKK-Landesverband Nordwest und der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein, der zum 1. Januar 2017 in Kraft tritt und zunächst bis Ende 2018 läuft. Die bundesweit einmalige Modellvereinbarung gilt als Blaupause für eine nationale Regelung. Sie könnte Millionen Patienten überflüssige Antibiotika ersparen – und dem Gesundheitssystem Millionenkosten.

95 Prozent der Antibiotika werden offenbar blind verschrieben

Der Vorstoß geht auf eine Untersuchung zurück, die im Juli für bundesweites Aufsehen gesorgt hatte. Da hatte die BKK Abrechnungsdaten von sieben Millionen Versicherten aus 13 Bundesländern ausgewertet und festgestellt: Rund 95 Prozent der ärztlich verordneten Antibiotika werden offenbar blind verschrieben. Nur bei 3,6 Prozent der Patienten mit Infektionen war sichergestellt, dass ihnen das verordnete Antibiotikum auch nützt.

Ein anerkannter Wirksamkeitstest, das sogenannte Antibiogramm, wird weitgehend ignoriert. Vor allem von Allgemeinmedizinern: Unter mehr als 350 000 Harnwegs- und Wundinfektionen, die Hausärzte mit Antibiotika behandelten, fanden sich ganze 15 Fälle, die durch ein Antibiogramm abgesichert waren – ein Anteil von 0,004 Prozent.

„Eine erschreckende Quote, die nicht länger hinzunehmen ist“, sagt Dirk Janssen, Vorstandsvize der BKK Nordwest. „So produziert man immer mehr multiresistente Keime, gegen die bald gar keine Antibiotika mehr helfen“, sagt Klaus-Dieter Zastrow, Chefarzt am Institut für Hygiene und Umweltmedizin der Vivantes Kliniken in Berlin.

Keine Verschreibung ohne vorherigen Test

Regional soll nun bewiesen werden, dass es auch anders geht. Bei Patienten mit bestimmten Symptomen gilt künftig: kein Antibiotikum ohne vorherige Wirksamkeitsprüfung. Bei Wund- und Harnwegsinfektionen führt kein Weg am Antibiogramm vorbei. Für Sören Gatermann, Chef der Mikrobiologie am Hygieneinstitut der Ruhr-Uni Bochum, ein wichtiger Schritt. Das Antibiogramm sei „entscheidend“, sagt er. „Es zeigt nicht nur an, welches Antibiotikum wirkt und welches nicht, sondern auch, welche Dosierung bei dem hilfreichen Mittel angemessen ist. So wird ein übermäßiger Konsum vermieden.“ Bei Rachenentzündungen sind künftig sogenannte Antigen-Schnelltests Pflicht.

Die neue Regelung, von der zunächst rund 180 000 BKK-Versicherte in den Großräumen Essen und Duisburg profitieren, betrifft rund 850 Ärzte – Allgemeinmediziner, Hals-, Nasen-, Ohrenärzte, Kinder- und Jugendärzte. Sie bekommen die mit den Tests verbundenen Zusatzleistungen honoriert.

„Eine bundesweite Regelung dieser Art würde den gesamten Antibiotikaverbrauch in Deutschland um ein Viertel senken“, sagt BKK-Vize Janssen. „Für die Patienten hieße das: Sie müssten jährlich rund 68 Tonnen Antibiotika weniger schlucken.“ Das Modell sei kein Zuschussgeschäft. Die Mehrkosten von jährlich rund 77 Millionen Euro wären laut BKK schon dann gedeckt, wenn nur die Hälfte der prognostizierten Antibiotikamenge eingespart werde.

Kritik an zögerlicher Haltungder Bundesregierung

Auf die Bundesregierung will Janssen nicht warten. Die Entwicklung neuer Schnelltests, wie sie Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) anstrebt, verschwende nur Zeit. „Das ist eine Scheinlösung“, kritisiert der BKK-Vize. „Bis neue Verfahren in der Praxis ankommen, vergehen Jahre – Zeit, die wir im Kampf gegen immer neue resistente Keime nicht haben. Es fehlt nicht an Tests, sondern nur am Einsatz der vorhandenen Verfahren.“

Peter Potthoff, Chef der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein, ist optimistisch. „Wenn dieser Vertrag entsprechende Ergebnisse zeigt, besitzt er für ganz Deutschland Modellcharakter.“

 
 

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