Obamas Ramadi-Problem

Washington..  Der Islamische Staat ist im Niedergang. Der Islamische Staat wird verlieren. Der Islamische Staat wird schrittweise dezimiert und am Ende völlig zerstört. So lauteten in den vergangenen Monaten die Beschwörungsformeln der amerikanischen Regierung bis hin zu Präsident Obama, wenn es darum ging, die Erfolgschancen des Terrornetzwerks in Syrien und im Irak zu beschreiben. Seit dem Fall der Schlüsselstadt Ramadi, die jetzt unter die Kontrolle der Dschihadisten geriet, hat Washington die Tonlage gewechselt. Von einem substanziellen „Rückschlag“ spricht das Weiße Haus kleinlaut, während in Militärkreisen krampfhaft nach Gegenmaßnahmen gefahndet wird. Die für Frühsommer angepeilte Befreiung Mossuls, ebenfalls in IS-Hand, scheint in weite Ferne gerückt.

Dafür bekommen die Gegner des Präsidenten, die Obamas Strategie gegen den IS von Anfang an als zu weich und undurchdacht gebrandmarkt haben, Oberwasser. Senator John McCain und sein ebenfalls den Falken zugehöriger republikanischer Kongress-Kollege Lindsey Graham sprachen gestern eingedenk der schwarzen Fahnen über Ramadi von einer „traurigen Erinnerung“ an die Tatsache, dass der Regierung bis heute keine überzeugende Antwort eingefallen sei, „um den Expansionsdrang des Islamischen Staates einzudämmen“.

Ausgerechnet diese Stadt

Meldungen über Etappen-Erfolge, sei es die Wiedererlangung der Macht in Tikrit durch reguläre irakische Kräfte, die Ausschaltung hoher IS-Funktionäre oder manche Geländegewinne in der Kurden-Region im Norden des Landes, dringen in Washingtoner kaum mehr durch. Im Gegenteil: Die Tatsache, dass ausgerechnet in der sunnitischen Provinzhauptstadt Ramadi, in der Amerikas Blutzoll nach dem Sturz Saddam Husseins gegen den IS-Vorläufer „Al Kaida im Irak“ besonders hoch war, nun die Radikal-Islamisten um Kalif Bagdadi den Ton angeben, stellt aus Sicht der „Washington Post“ die bisher fast ausschließlich auf Luftangriffe setzende Politik Obamas gegen die Terror-Miliz in ein denkbar schlechtes Licht.

Dass die IS-Verbände bei der Eroberung der Metropole in der Provinz Anbar nicht nur die offenkundige Kampfunfähigkeit der von Amerika ausgebildeten irakischen Truppen ausnutzten, sondern auch das durch einen Sandsturm ausgelöste Chaos, passt da nur zu gut ins Bild einer Supermacht, die scheut, was Experten wie Kimberly und Frederick Kagan für unvermeidbar halten: den begrenzten Einsatz von US-Truppen am Boden.

Die Militärforscher befürchten, dass Obama die psychologischen Langzeit-Auswirkungen der „schweren Niederlage“ in Ramadi unterschätzt. Der IS sei längst dabei, seine Einflusszonen nach Jemen, Libyen, Afghanistan, Pakistan auf den Sinai auszudehnen. Symbolträchtige Gewinne wie in Ramadi seien wirkungsvolle Ins-trumente zur Rekrutierung neuer Kämpfer. Was US-Generalstabschef Martin Dempsey indirekt bestätigt: „Es wird einer großen Anstrengung bedürfen, die Stadt zurück zu erobern“, sagte Obamas höchster Militär.

Wann, wie und mit wem das geschehen soll, ließ Dempsey offen. Dabei treiben die ersten Ankündigungen von Iraks Premierminister Haider al-Abadi US-Militärs bereits Schweißperlen auf die Stirn. Abadi will mithilfe von 3000 Mitgliedern einer teilweise vom Iran alimentierten Schiiten-Miliz den IS zurückschlagen. Aussichten, die in der Sunniten-Hochburg Ramadi schlimmste Erinnerungen wach werden lassen und nach Ansicht des Nahost-Experten James Phillips von der konservativen Heritage Stiftung nicht nur den Bürgerkrieg im Irak zwischen den beiden großen inner-islamischen Glaubensrichtungen „erheblich verlängern“ könnten.

Auch für Washington selbst wächst die Gefahr, mehr und mehr in eine Liaison mit Teheran gezwungen zu werden, das hinter der schiitischen Miliz steht. Eine Militär-Allianz mit dem Iran hat Obama bisher kategorisch ausgeschlossen. General Lloyd J. Austin, der zuständige Kommandeur, sagte jüngst in einem Parlamentsausschuss: „Ich hoffe, dass wir uns nie mit den Milizen abstimmen werden.“ Der Grund: Sie sind für den Tod Tausender GI‘s im Irakkrieg verantwortlich. Beim neuen Pentagon-Sprecher Eric Warren hörte sich das am Montag schon anders an: „Die Milizen haben ihren Platz, solange sie von der irakischen Regierung geführt werden.“ Ob Bagdad das leisten kann, daran bestehen nach dem Fall Ramadis große Zweifel.

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