Obama stimmt Amerika auf einen schweren Weg ein

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Chicago. In seiner ersten Rede nach seinem Wahlsieg verzichtet der kommende Präsident der Vereinigten Staaten auf die große triumphale Geste, sondern stimmt seine Wähler auf schwere Zeiten ein.

Es war kurz nach elf Uhr Abends in Chicago, als Barack Obama seinen Triumph feierte. Der Jubel im Grant Central Park war längst ausgebrochen, frenetisch begrüßten ihn Hunderttausende seiner Anhänger, es war der Augenblick, auf den Millionen von Menschen in den ganzen USA gewartet hatten. Als Obama mit Ehefrau Michelle und den beiden Töchterchen Sasha und Malia die Bühne betritt, gibt es kein Halten mehr. «Yes, wen can! Yes, we can», skandieren die Menschen. Ja, wir können es schaffen! Es ist ist die erste schwarze Familie, die in der über 200-jährigen Geschichte ins Weiße Haus einzieht - eine Zäsur für das Land. Für Millionen von schwarzen Amerikanern ist ein Traum wahr geworden.

Die ist nicht nur das Ende eines langen und harten Wahlkampfs. Die Menschen, die in dieser ungewöhnlich warmen Novembernacht in Chicago zusammen gekommen sind, die Millionen, die im ganzen Land zu spontanen Jubelfeiern auf die Straße gehen - sie feiern nicht nur das Ende der Ära des ungeliebten republikanischen Präsidenten George W. Bush. «Amerika ist der Ort, in dem alles möglich ist», ruft Obama den Menschen zu. Er spricht von einer «Botschaft an die ganze Welt», von der «Wiederbelebung des amerikanischen Traums.» Was sich in Chicago in dieser Nacht vollzieht, ist die Ankündigung einer Zeitwende.

Trittsicher, ruhig, abgeklärt

Obama kostete den Moment des Triumphs mit jener Gelassenheit aus, die mittlerweile zu seinem Markenzeichen geworden ist. Kein Zittern lag in seiner Stimme, als er in der Wahlnacht vor zehntausenden Anhänger in Chicago seine erste Rede als gewählter Präsident der USA hielt. Auf Jubelgesten verzichtete er, seine Faust reckte sich nicht geballt in den Himmel. Stattdessen trug Obama eine nachdenkliche Ansprache vor, in der er die Wähler auf Entbehrungen in schwerer Zeit einstimmte: «Auch wenn wir heute abend feiern, wissen wir doch, dass morgen die größten Herausforderungen unseres Lebens auf uns warten: Zwei Kriege, ein Planet in Gefahr, die schlimmste Finanzkrise in einem Jahrhundert.»

Es war genau diese Seite von Obama, welche die Bürger in den turbulenten Wochen vor der Wahl schätzen gelernt hatten. Als die Finanzkrise die Aktienkurse fallen und die Zukunftssorgen der Bürger steigen ließ, beeindruckte er durch unaufgeregtes Kurshalten. Obama erklärte, beruhigte, warb immer wieder für seinen Plan zur Entlastung der bedrängten Mittelklasse. Sein 25 Jahre älterer Gegner John McCain ließ derweil Nervosität erkennen, sprang von einem Vorschlag zum nächsten. Ausgerechnet der Politikneuling Obama bot sich den Wählern als trittsicherer Begleiter auf dem Weg aus der Krise an. Er strahlte Verlässlichkeit aus in einer Zeit, in der alte Gewissheiten neuen Unsicherheiten weichen.

"History ist in the making"

«History is in the making», nennen das die Amerikaner. Es wird Geschichte gemacht. Und streckenweise scheint Obamas Rede dann auch zur amerikanischen Andacht zu werden. Er zählt die gewaltigen Herausforderungen auf, die vor ihm liegen. «Die Straße vor uns wird lang sein. Der Hang wird steil sein. Wir werden nicht alles in einem Jahr oder in einer Amtszeit erreichen. Aber ich hatte nie mehr Hoffnung als heute Nacht, dass wir es schaffen werden. Es wird Rückschläge und Fehlstarts geben.» Und fast wie in einer Predigt in einer der vielen schwarzen Gemeinden in den USA, antwortet die Menge in Chicago wie im Chor: »Yes, we can. Yes, we can.»

Obama, der Erneuerer, den die Medien schon seit Monaten als «schwarzen Kennedy» bezeichnen, weiß um die enormen Gefahren der allzu großen Hoffnungen, der allzu großen Erwartungen. Bereits zum Ende seines Wahlkampfes, ist Obama zusehends realistisch geworden. Er weiß, dass er mit seinen hochfliegenden Botschaften von Hoffnung und Wandel zur Projektionsfläche vieler unrealistischer Erwartungen geworden ist.

Auszüge aus Obamas Rede:

"Wenn dort draußen jemand ist, der immer noch daran zweifelt, dass Amerika ein Ort ist, wo alle Dinge möglich sind, der sich immer noch fragt, ob der Traum unserer Gründer in unserer Zeit lebendig ist, der immer noch die Macht unserer Demokratie in Frage stellt - an diesem Abend gibt es die Antwort.

Es ist die Antwort, die von den Menschenschlangen gegeben wird, die sich um Schulen und Kirchen gebildet haben - in einem Ausmaß, das diese Nation nie erlebt hat. Menschen warteten drei Stunden und vier Stunden, viele das allererste Mal in ihrem Leben, weil sie glaubten, dass es diesmal anders sein muss, dass ihre Stimme diesen Unterschied machen kann. (...)

Es hat lange gedauert, aber an diesem Abend, wegen dem, was wir an diesem Tag, in dieser Wahl, in diesem entscheidenden Moment getan haben, ist der Wandel nach Amerika gekommen. (...)

(...) wir wissen, dass die Herausforderungen, die die Zukunft bringt, die größten unseres Lebens sind - zwei Kriege, ein Planet in Gefahr, die schlimmste Finanzkrise in einem Jahrhundert. (...)

Die Straße, die vor uns liegt, ist lang. Der Aufstieg wird steil sein. Wir werden vielleicht nicht in einem Jahr oder sogar einer Amtsperiode am Ziel ankommen, aber Amerika - ich habe nie mehr Hoffnung gehabt als heute Abend, dass wir am Ziel ankommen werden. Ich verspreche Euch - wir als Volk werden ankommen.

Es wird Rückschläge und Fehlstarts geben. Es wird viele geben, die nicht mit jeder Entscheidung oder jedem Kurs meiner Präsidentschaft einverstanden sein werden, und wir wissen, dass Regierungen nicht jedes Problem lösen können. Aber ich werde immer ehrlich zu Euch sein hinsichtlich der Herausforderungen, vor denen wir stehen. Ich werde Euch zuhören, besonders dann, wenn wir unterschiedlicher Meinung sind.

Und an jene, die uns heute Abend von jenseits unserer Ufer zuhören, von jenen in Parlamenten und Palästen bis zu jenen, die sich um Radios an den vergessenen Ecken unserer Welt geschart haben - unsere Geschichten sind einzigartig, aber unser Schicksal ist ein gemeinsames, und eine neue Zeit amerikanischer Führungskraft dämmert herauf. An jene, die diese Welt niederreißen würden - wir werden Euch besiegen. An jene, die nach Frieden und Sicherheit streben - wir unterstützen Euch.»

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