„Nur wer lieb ist, bekommt die gute Schicht“

An Rhein und Ruhr.  Die Arbeit von Hubert Koslowski ist wohl das, was man einen Knochenjob nennt. Der 43-Jährige fährt – irgendwo im Ruhrgebiet – auf Spezialtransportern Brammen über ein Werksgelände. Koslowski gehört nicht zur Stammbelegschaft. In der Stahl- und Metallbranche ist es nicht unüblich, dass Fahrdienste ausgelagert sind an Subfirmen, die so genannten Werkvertragsunternehmen.

Die Brammen, das sind gewaltige Stahlblöcke, und die sind glühend heiß. Auf Hubert Koslowskis Hänger herrschen 1200 Grad. Im Führerhaus wird es nie kühler als 70 Grad. Koslowski und seine Kollegen arbeiten gewöhnlich in Zwölf-Stunden-Schichten. Ihr Lohn für den schweißtreibenden Job: neun Euro die Stunde. Bis vor Kurzem mussten sich die Fahrer selbst um kühlende Getränke kümmern. Erst nach Beschwerden des Betriebsrates habe das Unternehmen den Brammen-Fahrern Mineralwasser zur Verfügung gestellt. „Zwei Liter pro Schicht und Fahrer gibt es jetzt“, sagt Koslowski.

Mit Schlägen gedroht

Hubert Koslowski sieht aus wie ein Mann, den so schnell nichts aus der Fassung bringt. Seinen richtigen Namen sollen wir dennoch besser nicht nennen, und schon gar nicht den des Werkvertragsunternehmens. Denn Koslowski hat Angst. Seine Vorgesetzten seien nicht gerade zimperlich, wenn es um Beschäftigte geht, die sagen, was Sache ist. „Wer nicht rausgemobbt werden kann, dem wird mit Schlägen gedroht“, erzählt er. Besonders Betriebsräte seien den Chefs ein Dorn im Auge.

Lange gab es überhaupt keine Arbeitnehmervertretung. Der erste, der eine gründete, sei gleich entlassen worden. Jetzt ist Hubert Koslowski selbst im Betriebsrat und hat – neben anderen Kollegen aus anderen Werkvertragsunternehmen im Ruhrgebiet – endlich den Mut gefasst, dieser Zeitung zu erzählen, unter welchen Bedingungen sie arbeiten müssen. Bedingungen, die nach Auffassung von NRW-IG-Metall-Chef Knut Giesler „kriminell sind und unmenschlich.“ Die Verhälnisse seien schlichtweg nicht akzeptabel.

Glaubt man den Betroffenen, dann ist die oft deutlich schlechtere Bezahlung gegenüber der Stammbelegschaft noch das geringste Übel der Werkvertragsbeschäftigten. Mitarbeitern werde offen mit Kurzarbeit oder Kündigung gedroht, Lohn einbehalten, Schichten so vergeben, dass gesetzliche Ruhezeiten nicht einzuhalten seien. „Nur wer lieb ist, bekommt die gute Schicht“, sagt uns einer, der ebenfalls für eine Firma aus dem Ruhrgebiet arbeitet und ebenfalls seinen Namen nicht gedruckt sehen will. Denn auch er hat Angst.

Das Thema Werkverträge treibt die Gewerkschaften schon lange um. Zwar haben sie grundsätzlich nichts gegen die Auslagerung bestimmter Gewerke aus dem Arbeitsprozess an eigenständige Unternehmen. Das sei gängige Praxis. Aber fair müsse es dabei zugehen.

Kosten und Löhne werden gedrückt

Doch zurzeit wollen die Gewerkschaften verstärkt beobachtet haben, wie Konzerne und Unternehmen mithilfe von Werkverträge massiv Kosten und Löhne zu drücken versuchten, Tarifverträge und Sozialbeiträge umgehen und die betriebliche Mitbestimmung aushebeln wollten. DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach beklagt gegenüber dieser Zeitung den massiven Missbrauch von Werkverträgen: „Hier entsteht eine Subwelt, in der Menschen hochgradig ausgebeutet werden“.

 
 

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