Nun also Norbert Lammert - wenn Plagiate-Jagd zur Plage wird

Bundestagspräsident Norbert Lammert hat auch einen Doktortitel. Seine Arbeit ist nun in den Fokus eines Plagiate-Jägers gekommen.
Bundestagspräsident Norbert Lammert hat auch einen Doktortitel. Seine Arbeit ist nun in den Fokus eines Plagiate-Jägers gekommen.
Foto: Ingo Otto / WAZ FotoPool
Die Plagiate-Jagd bei Spitzenpolitikern hat ein neues Opfer gefunden: Bundestagspräsident Norbert Lammert soll bei seiner Doktorarbeit geschludert haben. Vor fast 40 Jahren. Ein Blogger bringt das nun anonym ans Licht. Doch das Motiv ist fragwürdig. Ein Kommentar.

Essen.. Nun hat es also Norbert Lammert erwischt: Der Bundestagspräsident ist in den Plagiate-Strudel gerutscht. Weil er bei seiner Doktorarbeit an der Ruhr-Uni Bochum geschludert haben soll. Wie stichhaltig die Vorwürfe sind, wird sich noch erweisen müssen. Dass nach Annette Schavan erneut ein Politiker ins Visier rückt, dessen Dissertation Jahrzehnte alt ist, erweckt jedoch den Eindruck, dass der "Plag"-Trend sich zur Plage auswächst.

Dass ein anonymer Blogger sich bemüßigt sieht, "wissenschaftliches Fehlverhalten" aufzudecken, sagt auch etwas über den Wesenszustand derer aus, die sich als Sittenwächter über die moralische Integrität hiesiger politischen Spitzenfunktionäre aufschwingen.

Denunziantentum, das sich als "Aufklärung" schmückt

Natürlich ist politische Macht und deren Personal kritisch zu hinterfragen. Aber jemand anderen öffentlich anzuschwärzen, aus dem Dunkel der Anonymität heraus, ist Denunziantentum, das sich im Fall Lammert mit dem Anspruch der Aufklärung schmückt - Aufklärung, die alleine dem Zweck dient, dem Betreffenden zu schaden und das eigene Selbstwertgefühl zu steigern.

Der - tiefe - Fall des einstigen Verteidigungsministers und Unions-Hoffnungsträgers Karl-Theodor zu Guttenberg, der sich im Zuge der Affäre um seine Doktorarbeit als plumper Blender entpuppte, war Ausgangspunkt einer wahren Plagiate-Jagd. Der Unterschied zum Fall Lammert: Guttenbergs Dissertation wurde zum Skandal, nachdem der Autor einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift sie zum Thema machte - ohne die Absicht, gar die Erwartung ein Plagiat aufzudecken.

Das rief Nachahmer auf den Plan. Sie fühlten sich aufgerufen, mit den Mechanismen des Internets für die Reinheit der politischen Kultur zu kämpfen - von "Vroni-Plag" bis nun "Lammertplag". Was ihnen gemeinsam ist: Die Jagd nach Verfehlungen wurde dabei zum Selbstzweck. Und das ist ein fragwürdiges Motiv.

Die Rechtsprechung kennt den Begriff der Verjährung. Es wäre sinnvoll, dies den Netz-Aktivisten vom Schlage des jüngsten "Lammertplags" ins Gewissen zu rufen. Zudem: Hunderte haben am Wochenende in NRW gegen die NSA-Bespitzelung protestiert. Auch Plagiate-Jagd kann zu einer Form der Bespitzelung werden. Nur dass "Big Brother" hier in jedem steckt, der dabei mitmischt.

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