NSU-Prozess startet - und könnte länger als zwei Jahre dauern

Junge Leute in Urlaubslaune: Uwe Mundlos (l-r), Beate Zschäpe und Uwe Böhnhardt. Die drei mutmaßlichen Mitglieder der Terrorzelle Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) lebten über Jahre im Untergrund. Die Männer brachten sich im November 2011 um, um der Verhaftung zu entgehen.
Junge Leute in Urlaubslaune: Uwe Mundlos (l-r), Beate Zschäpe und Uwe Böhnhardt. Die drei mutmaßlichen Mitglieder der Terrorzelle Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) lebten über Jahre im Untergrund. Die Männer brachten sich im November 2011 um, um der Verhaftung zu entgehen.
Foto: dpa
Am kommenden Montag beginnt in München der Prozess gegen Beate Zschäpe und vier mutmaßliche Helfer. Das Mammutverfahren, das zehn Morde und weitere Gewalttaten einer rechtsextremistischen Untergrundorganisation aufklären soll, könnte länger als zwei Jahre dauern.

München.. Sie will es wissen. Sie will Klarheit darüber, warum ausgerechnet ihr Vater sterben musste. Wie man auf ihn kam, auf den freundlichen Kiosk-Besitzer aus Dortmund. Wenn am Montag vor dem Münchener Oberlandesgericht der Prozess gegen die mutmaßliche NSU-Terroristin Beate Zschäpe beginnt, dann wird auch Gamze Kubasik im Saal A 101 sitzen. Die Tochter des 2006 erschossenen türkischen Migranten ist eine von über 100 Nebenklägern.

Es wird ein Prozess, der seinesgleichen sucht. Allein schon wegen seiner gesellschaftspolitischen ­Dimension. Zehn Morde, mehrere Sprengstoff-Anschläge und Raubüberfälle werden dem mutmaßlich rechtsterroristischen NSU zur Last gelegt.

13 Jahre zog sie laut ­Anklage mordend durch das Land, ohne wirklich fürchten zu müssen, enttarnt zu werden. Denn die ­zahlreich ermittelnden Behörden arbeiteten eher gegen- als mit­einander. Nun steht als einzig Überlebende des NSU-Trios die 38-jährige Beate Zschäpe vor Gericht.

Vier mutmaßliche NSU-Helfer sind neben Zschäpe angeklagt

Mitangeklagt sind vier mutmaß­liche Helfer der Terrorgruppe wie André E., Holger G., Carsten S., der die Tatwaffe besorgt haben soll, und der frühere NPD-Funktionär Ralf Wohlleben. 84 Termine bis in den Januar 2014 hinein hat der dem 6. Strafsenat vorsitzende ­Richter Manfred Götzl terminiert. Doch angesichts der vielen Taten, angesichts von 600 Zeugen und 1000 Aktenordnern Beweismaterial gehen viele Prozessbeobachter von einem mindestens zweieinhalb Jahre dauernden Verfahren aus.

Beate Zschäpe jedoch wird schweigen. Sie schwieg vor den Ermittlern, und sie bleibt auf Anraten ihrer Anwälte bis auf weiteres bei dieser Linie. Am 8. November 2011 hatte sie sich der Polizei gestellt. Vier Tage nachdem ihre Lebenspartner und Komplizen Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos sich wegen eines missglückten Banküberfalls das Leben genommen hatten. Es war das Ende eines Trios, das laut Anklageschrift neun Migranten und am Ende auch eine deutsche Polizistin „serienmäßig hinrichtete“, weil es „den Erhalt der deutschen Nation gefährdet“ sah.

Anklagevorwurf: Sie hielt den Tätern den Rücken frei

„Für die Generalbundesanwaltschaft ist nicht entscheidend, ob Beate Zschäpe an einem der Tat­orte war. Ihr Tatbeitrag war es, die bürgerliche Fassade des Trios aufrecht zu erhalten“, erklärt ein Sprecher des Generalbundesanwalts. Nur so hätten die Taten begangen werden können, nur weil Zschäpe sich um die Logistik gekümmert und das bei Raubüberfällen erbeutete Geld verwaltet hätte.

Zschäpes Anwälte freilich, das junge Verteidiger-Team Wolfgang Heer, Wolfgang Stahl und Anja Sturm, sieht das anders. Für sie gibt es keine Beweise für die Grundhypothese der Anklage, Zschäpe sei gleichwertiges Mitglied des NSU und in die mörderischen Planungen eingeweiht gewesen. „Es mutet doch merkwürdig an, wenn das Krümmen des Zeigefingers an einer Pistole durch Böhnhardt und Mundlos gleichgesetzt wird mit dem, was Frau Zschäpe gemacht haben soll, nämlich den beiden einen Rückzugsraum zu schaffen“, erklärte der Kölner Heer in einem Interview mit dieser Zeitung.

Leibesvisitationen vor dem Gerichtssaal

Am Montag also wird der Prozess im zweiten Anlauf beginnen. Nach mehreren Untersuchungsausschüssen auf Bundes- und Länderebene, nach unschönen Schlagzeilen um Plätze im Gerichtssaal und düpierte türkische Medien.

Für 1,25 Millionen Euro wurde ­eigens der größte Saal des Land­gerichts ausgebaut und technisch aufgerüstet. 500 Polizisten kontrollieren die Wege aller Prozessbe­teiligten. Selbst Zschäpes Anwälte werden Leibesvisitationen über sich ergehen, ihre Taschen durchleuchten lassen müssen.

Und Gamze Kubasik, die Tochter des Kioskbesitzers Mehmet, wird so angespannt wie nie zuvor in ihrem Leben sein. Sie wird ihr, sie wird der Angeklagten Beate Zschäpe, gegenüber sitzen. Schon allein deshalb ist der Prozess für sie persönlich von „immenser Bedeutung“. Und, weil sie Antworten auf ihre Fragen sucht. Ihr Anwalt ­Sebastian Scharmer: „Es geht auch darum, welche Fehler der Staat zu verantworten hat und ob einige ­Taten hätten verhindert werden können, wenn nicht erst so spät in Richtung rechtsextremer Täter ­ermittelt worden wäre.“

 
 

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