NSU-Opfer in LKA-Dokument als "Schmarotzer" bezeichnet

Mitglieder der Türkischen Gemeinde haben Rosen vor das ehemalige Ladengeschäft des 2001 getöteten Hamburger Gemüsehändlers Süleyman Tasköprü gelegt.
Mitglieder der Türkischen Gemeinde haben Rosen vor das ehemalige Ladengeschäft des 2001 getöteten Hamburger Gemüsehändlers Süleyman Tasköprü gelegt.
Foto: dpa
Ein Opfer der rechtsextremen Terrorzelle NSU ist in einem Dokument des LKA Hamburg als "Schmarotzer" bezeichnet worden. Das bestätigte jetzt Sebastian Edathy (SPD), Vorsitzender des NSU-Untersuchungsausschusses. Opferanwältin Angela Wierig ist entsetzt: "Das ist ein Armutszeugnis".

Essen. Im Vorfeld des NSU-Prozesses werden neue Vorwürfe gegen die Polizei laut. In einer Fallanalyse des LKA Hamburg ist Opfer Süleyman Taşköprü als "Schmarotzer" bezeichnet worden. Das erklärte Sebastian Edathy (SPD), Vorsitzender des NSU-Untersuchungsausschusses, auf Anfrage und bestätigte damit einen Bericht der "Hürriyet". "Der Zeuge hat sich für den völlig deplatzierten Ausdruck entschuldigt", so Edathy. Das Dokument ist dem Ausschuss seinerzeit vorgelegt worden.

Opferanwältin Angela Wierig ist entsetzt: "Ich bin tief getroffen von dieser Verunglimpfung. Eine Erklärung für diese Bezeichnung kann es nicht geben." Sie vertritt die Schwester des türkischen Händlers Taşköprü, der 2001 in Hamburg von mehreren Kopfschüssen in seinem Lebensmittelladen getroffen wurde. "Diese menschenverachtende Äußerung könnte allerdings erklären, warum die Ermittlungen so schlampig betrieben wurden", fügt sie an. "Getreu dem Motto: Ein "Schmarotzer" weniger - wen interessiert es?" Das Dokument sei ein Armutszeugnis.

Die Polizei in Hamburg bestätigt, dass der Begriff in der Fallanalyse des LKA verwendet wird, um das Sozialverhalten des Opfers Taşköprü zu beschreiben. "Der Begriff 'Schmarotzer' wurde aus dem Umfeld des Opfers in einer Aussage verwendet", erklärt Sprecherin Ulrike Sweden, und sei "ausdrücklich in Anführungsstriche gesetzt worden".

Kritik an Sicherheitsbehörden

Die Polizei steht wegen ihrer Ermittlungen gegen die Terrorgruppe "Nationalsozialistischer Untergrund" seit Monaten in der Kritik. Grünen-Fraktionschefin Renate Künast hatte den Sicherheitsbehörden Versagen vorgeworfen. Die Linke-Politikerin Petra Pau unterstellte den Ermittlern sogar Rassismus. Die Möglichkeit, dass es sich um rechtsextreme Täter handeln könnte, sei fast durchweg ausgeblendet worden, sagte Pau. Auch die Opferbeauftragte Barbara John erhob schwere Vorwürfe gegen die Behörden. Das Versagen der Ermittler habe das Misstrauen der Einwanderer gegenüber den deutschen Behörden verstärkt.

"Man hat uns nicht geglaubt, weil wir Türken sind"

Auch die Angehörigen der NSU-Opfer erheben schwere Vorwürfe gegen die Ermittler. "Jahrelang hat die Polizei versucht, etwas aus uns herauszubekommen, was nicht da war", erklärte Semiya Simsek im vergangenen Jahr gegen über dem "Tagesspiegel". Sie ist die Tochter des türkischen Blumenhändlers Enver Simsek, der 2000 in Nürnberg erschossen worden war.

Aufgrund der falschen Verdächtigungen und des Misstrauens gegen die Familie seien soziale Kontakte und der Zusammenhalt in der Familie zerstört worden. "Man hat uns vorgeworfen, wir würden schweigen, weil wir Türken sind. Man hat uns auch nicht geglaubt, weil wir Türken sind", fügte Simsek hinzu.

Dieses Beispiel zeige einmal mehr, wie wichtig die Arbeit der Untersuchungsausschüsse ist, betont Opferanwältin Wierig. "Ich werde alles in meiner Macht stehende unternehmen, um die durch solche Informationen gewonnen Erkenntnisse in einem förmlichen Verfahren zu klären und die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen."

 
 

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