NRW wandelt sich von der Stahlschmiede zum Wissensland

Früher prägten die Kumpel das Bild vom Ruhrgebiet, heute sind es vielerorts die Studenten. Das Land hat 14 Universitäten.
Früher prägten die Kumpel das Bild vom Ruhrgebiet, heute sind es vielerorts die Studenten. Das Land hat 14 Universitäten.
Foto: picture alliance / dpa
Das von Kohle geprägte NRW hat sich zum bedeutsamen Wissensstandort mit vielen Hochschulen entwickelt. Bochum gab dazu 1965 mit der Ruhr-Uni den Startschuss.

Essen. Nach dem Krieg und der Gründung Nordrhein-Westfalens ging es zuerst darum, die zerstörten Industrieanlagen wieder aufzubauen und die Produktion anzukurbeln. Kohle und Stahl bestimmten noch für Jahrzehnte den Takt des Ruhrgebiets. Kein Ereignis markiert da deutlicher den Bruch mit der Industriegeschichte als die Gründung der ersten Universität im Revier – der fällige Strukturwandel begann.

Zwar gab es im Land bereits die altehrwürdigen Hochschulen in Münster, Köln, Bonn und Aachen, doch zwischen Münster und dem Rheinland war bis Mitte der 60er-Jahre: nichts – wenn man von einer pädagogischen Hochschule mit nur 2000 Studenten absieht. Nicht einmal die neue Landeshauptstadt Düsseldorf verfügte über eine eigene Universität.

So viele Studenten wie nie zuvor

Und heute? Leben und lernen 745 000 Studenten in NRW, ein neuer Rekordwert. Rund 100 000 junge Menschen beginnen an einer Hochschule des Landes jedes Jahr ein Studium. Und das Ruhrgebiet entwickelte sich zur dichtesten Hochschullandschaft Europas.

Das war der Region wahrlich nicht an der Wiege gesungen worden. Mit der Ruhr-Universität Bochum ging es 1965 los, es war die erste größere Hochschulansiedlung auf dem Gebiet Nordrhein-Westfalens seit 1870 – und der Startschuss für einen tiefgreifenden Wandel. Die Hochschulen sollten das Bildungsniveau vor allem der Arbeiterschaft erhöhen und der Wirtschaft Fachkräfte beschaffen. Schließlich war kurz zuvor in Bochum die Ansiedlung des Opelwerks gelungen, wo ab 1962 der Kadett vom Band lief. Auch wegen der Anforderungen moderner Industrie sollte aus der Stahlschmiede Ruhrgebiet die Ideenschmiede des Landes werden.

Wie alle Kohle- und Stahlstandorte litt auch Bochum unter der Zeitenwende. Einst mit Stolz die „größte Zechenstadt Europas“ genannt, schlossen dort zwischen 1959 und 1962 fünf große Schachtanlagen. Die Stadt verlor 40 Prozent ihrer Arbeitsplätze im Bergbau. Die Ruhr-Uni, aus vor Ort gegossenen Fertigbetonteilen auf die Hügel am Ruhrtal gesetzt, stand für den Aufbruch in eine neue Ära. Mit ihr zogen Bildung und Wissenschaft ins Land der Malocher ein.

In den späten 60er- und 70er-Jahren setzte die Landesregierung Hochschulen ins Land wie Tulpenzwiebeln. Bochum, Dortmund und Bielefeld waren der Anfang. Unter Johannes Rau ging es 1972 weiter mit den Gesamthochschulen Essen, Duisburg, Wuppertal, Siegen und Paderborn. 1975 wurde die in Deutschland einzigartige Fernuniversität Hagen gegründet – derzeit mit rund 66 000 Studierenden die größte Uni weit und breit. Heute verfügt NRW über 14 Universitäten, 16 Fachhochschulen, sieben Kunst- und Musikhochschulen, fünf Verwaltungshochschulen sowie 28 staatlich anerkannte private und kirchliche Hochschulen – darunter Deutschlands erste private Universität Witten/Herdecke.

Der Aufbau des neuen Wissenslandes ging nicht immer reibungslos voran. Eigentlich wollte Dortmund die erste Uni-Stadt im Revier sein. Diesen Wunsch hatte der Magistrat der Stadt am 3. April 1900 geäußert. Der Regent lehnte ab: keine Hochschulen für die Kinder der Kumpel. Dortmund wiederholte das Ansinnen über Jahrzehnte. Was folgte, als das Land Bochum den Vorzug gab, ging in die Geschichte der NRW-Hochschulpolitik als „Städtekampf“ ein, den der Historiker Hans Stallmann detailreich beschrieben hat.

Städtestreit um Hochschulen

Die Entscheidung hatte wohl weniger mit Bildungspolitik zu tun, eher mit undurchsichtiger Parteitaktik im NRW-Landtag. In Dortmund vermutete man gar eine Verschwörung: Die CDU habe das rote Dortmund eiskalt ausgebootet. Vor der Landtagswahl 1962 gab die CDU-Regierung nach und genehmigte der Stadt ebenfalls den Bau einer Uni – nur zwölf Kilometer von der Ruhr-Uni entfernt. Mit der Eröffnung 1968 aber war der Städtestreit noch lange nicht beigelegt.

Geld hatte der Staat zu Zeiten der Hochschulgründungen genügend, die Politik hoffte mit Zuversicht, dass die Region sich als blühende Wissenslandschaft entfalten würde. Die Hege und Pflege dieses Erbes ist bis heute eine Herausforderung. „Die Akteure und Institutionen im Ruhrgebiet müssen im Hochschulsektor noch mehr kooperieren, die Hochschulen noch mehr als Chance begreifen“, schreibt der Bochumer Sozialwissenschaftler Jörg Bogumil. Hochschulen und Wissenschaft gehören zu den „wenigen nennenswerten Chancen für die Weiterentwicklung der Region“. So einfach – und so schwierig ist die Aufgabe.

 
 

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