NRW-Unis ziehen kaum Konsequenzen aus Guttenberg-Affäre

Er brachte die Debatte um Plagiate ins Rollen: Karl-Theodor zu Guttenberg.
Er brachte die Debatte um Plagiate ins Rollen: Karl-Theodor zu Guttenberg.
Ein Jahr nach dem Rücktritt von Minister Karl-Theodor zu Guttenberg wird in Nordrhein-Westfalen kaum nach Plagiaten gefahndet. Symbolische Maßnahmen gibt es viele, härter durchgegriffen wird aber kaum - auch aus Angst, Studenten unter Generalverdacht zu stellen.

Essen.. Den Wirbel um die Plagiat-Affäre, die vor einem Jahr zum Rücktritt von Minister Karl-Theodor zu Guttenberg führte, haben die Unis in NRW nicht zum Anlass genommen, verstärkt nach Fälschern wissenschaftlicher Arbeiten zu suchen. Sie reagieren meist nur mit symbolischen Maßnahmen wie „Ehrenerklärungen“ und Broschüren, nicht aber mit Kontrollen. Das ergab eine Umfrage der WAZ.

Computer-Programme zum Erkennen von Plagiaten wurden zwar fast überall angeschafft, sie kommen aber „nur auf Verdacht“ zum Einsatz. Das heißt: so gut wie nie. Die meisten Unis können nicht einmal sagen, wie viele Plagiate bei ihnen im letzten Jahr entdeckt wurden.

"Vieles wird nicht entdeckt", heißt es an der Ruhr-Uni

Dabei sind sich Experten einig, dass Plagiate ein bedeutendes Thema sind. Sowohl – wie im Fall Guttenberg – bei den Promotionen, als auch bei studentischen Arbeiten. Der Wissenschaftsrat befürchtet gar eine „Aufrüstung der Waffen“ zwischen denen, die fälschen und denen, die Fälschungen suchen.

Joachim Wiemeyer, Prüfungsausschuss-Vorsitzender an der Ruhr-Universität Bochum, meint: „Vieles wird nicht entdeckt. Betrugsfälle aufzudecken ist schwieriger geworden. Früher hatten die Studenten einen Spickzettel in der Tasche, heute haben sie ein Smartphone – das ist so als hätten sie eine Million Spickzettel dabei.“

Unis wehren sich gegen den Vorwurf, nichts zu unternehmen

Sebastian Sattler, Soziologe an der Uni Bielefeld, beschäftigt sich wissenschaftlich mit Plagiaten. Sein Fazit: „In Deutschland kann man davon ausgehen, dass jede fünfte von Studenten verfasste Arbeit in Teilen Plagiate enthält.“ Daten über Doktorarbeiten liegen nicht vor. Die Unis wehren sich gegen den Vorwurf, nichts zu unternehmen. „Wenn wir Studierende unter Generalverdacht stellen würden, dann wäre das tödliches Gift für die Wissenschaft“, so Josef König, Sprecher der Uni Bochum.

Debora Weber-Wulff, Professorin an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin, hat aktuelle Plagiats-Software getestet und kommt zu dem Schluss: „Sie taugt in der Regel nicht für das, was die Hochschulen erwarten. Ihre Anschaffung ist eine Art Pseudo-Handlung. Mit Google erzielt man bessere Resultate.“

Weber-Wulff, die selbst mit Gleichgesinnten Fälschungen in Doktorarbeiten sucht, fordert: „Dissertationen müssten grundsätzlich online veröffentlicht werden, dann gäbe es nämlich mehr Zufallsfunde von Plagiaten. Außerdem bräuchten wir eine von Unis und Fakultäten unabhängige Stelle, die stichpunktartig Dissertationen überprüft.“

Eidesstattliche Erklärung

Die Meinungen innerhalb der Wissenschafts-Community gehen weit auseinander. Der Deutsche Hochschulverband (DHV), also die Berufsvertretung der Wissenschaftler, schlägt zum Beispiel vor, dass schriftliche Arbeiten immer auch in digitaler Form eingereicht werden sollten. An vielen Unis ist das inzwischen auch üblich. Plagiats-Software müsse vorhanden sein und Doktoranden sollten eine „eidesstattliche Erklärung“ abgeben, dass sie nicht abschreiben.

Der Wissenschaftsrat (WR), der die Bundesregierung in Hochschul-Angelegenheiten berät, hält die DHV-Vorschläge für unzureichend. Er wünscht die stichprobenartige Untersuchung aller Doktorarbeiten, die längere Texte enthalten. „Dass einige Fakultäten heute von ihren Doktoranden eidesstattliche Erklärungen verlangen, bringt wenig. Wer betrügen will, der betrügt. Und die Qualität wissenschaftlicher Arbeiten lässt sich nicht durch Gerichte feststellen, sondern nur durch Wissenschaftler“, meint WR-Vorsitzender Wolfgang Marquardt gegenüber dieser Zeitung.

Intensivere Betreuung

Der Wissenschaftsrat schlägt deshalb ein Promotionskomitee vor, besetzt mit dem Betreuer und weiteren Wissenschaftlern, die die gesamte Promotionsphase begleiten.

Marquardt meint auch: „Die Betreuung muss intensiv und promotionsbegleitend sein. Nur dann werden Qualitätsmängel auffallen, wenn beispielsweise eine Textpassage nicht richtig zum Hintergrund des Verfassers passt. Das geht aber nicht, wenn sich Promovend und Berater nur einmal im Jahr treffen.“

 
 

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