NRW stand zweimal vor Blackout

Tobias Blasius

Düsseldorf.  Hannelore Kraft hat gerade neben RWE-Vorstandschef Peter Terium auf der Bühne des vornehmen Düsseldorfer NRW-Forums Platz genommen, als sie mit Hilfe einer leinwandgroßen Übersichtskarte für den Unglücksfall über Rettungs- und Fluchtwege aufgeklärt wird. Solche Sicherheitshinweise seien bei RWE grundsätzlich üblich, wird die ungläubig schauende Ministerpräsidentin freundlich belehrt.

Das ungewöhnliche Auftaktbild passt zu diesem Mittwochabend, an dem RWE mit prominenten Gästen die hauseigene Jugendstudie „Standort Zukunft“ vorstellen will. Es soll um Werte und Einstellungen der Kunden und Entscheidungsträger von morgen gehen. Eigentlich hat der angeschlagene Konzern aber andere Sorgen als die „Work-Life-Balance“ von 27- bis 34-Jährigen. Man sucht nach einem Fluchtweg aus den Zwängen der Energiewende und vor bedrohlicher werdenden Klimazielen der Bundesregierung. Wohin der Gesprächsverlauf auch mäandert, er landet irgendwie immer wieder bei bezahlbarem Strom, der industriellen Basis und intakten Wertschöpfungsketten.

Bekenntnis zu Kohlekraftwerken

Kraft ist in ausgesprochen wirtschaftsfreundlicher Absicht hier. „Wir sind diejenigen, die unsere Industriearbeitsplätze mit Zähnen und Klauen verteidigen“, versichert sie dem RWE-Publikum. Sie erneuert ihr Bekenntnis zu Kohlekraftwerken, die man „noch jahrzehntelang“ brauchen werde. Auch zum Braunkohleabbau im Rheinischen Revier stehe sie. Trotz einer leichten Beschneidung des Abbaugebietes durch ihre rot-grüne Regierung seien „die Rechte, die Kohle dort abzugraben, noch 30, 40 Jahre politisch gegeben“, so die Regierungschefin.

Welche Marktchancen aber die RWE-Meiler wirklich noch haben, wenn Ökostrom die Netze weiter flutet, die Großhandelspreise fallen und obendrein die Klimaziele Deutschlands den Kohlendioxid-Ausstoß erschweren, kann nur Konzernchef Terium beantworten. „Wir stehen zur Braunkohle. Sie gehört zur Energiewende“, erklärt der Niederländer. Das Geschäftsfeld der Zukunft sieht er gleichwohl darin, Energiekompetenz zu verkaufen, also Handel, Steuerung, Speicherung und Vernetzung bis in die Privathaushalte. „Unser Ziel ist nicht, Kilowattstunden zu verhökern“, stellt Terium klar.

Der RWE-Chef beklagt dabei die zu einfache Sicht auf Gewinner und Verlierer der Energiewende. In seinem Konzern gehe es um viele gute Mitbestimmungsjobs: „Arbeitsplatz ist nicht gleich Arbeitsplatz.“

Was die Stunde für den Standort geschlagen hat, macht Trimet-Chef Martin Iffert in recht drastischen Worten deutlich. Zweimal habe seine Essener Aluhütte bereits einen Strom-Blackout verhindert. Als Windprognosen falsch berechnet worden seien, habe das Netz nur stabil gehalten werden können, weil Trimet als größter Energienutzer des Landes Kapazitäten zurückfuhr. „Es wäre dunkel geworden in NRW“, sagt Iffert.

In der gegenwärtigen Diskussion über die Zwangsabschaltung von Kohlekraftwerke aus Klimaschutzgründen wirbt der Trimet-Chef für eine ganzheitliche Betrachtungsweise. „Wir dürfen nicht nur gucken, was in Garzweiler aus dem Schornstein kommt, sondern brauchen eine Gesamtklimabilanz.“ Wenn ein Produzent wie Alu-Riese Trimet, der 80 Prozent seiner Kunden im 200-Kilometer-Umkreis von Essen hat, Produktionen nach China verlöre, sei dies am Ende keinesfalls sauberer. „Viele Investitionsentscheidungen gehen zurzeit in die USA, weil Strom dort billig ist“, erklärt Iffert.

Die Idee eines „ökologischen Fußabdrucks“ der gesamten Wertschöpfungskette gefällt auch Kraft, die für das industrielle „Pfund hier in NRW“ gemeinsam mit der Wirtschaft streiten will. Gerichtet an die Manager sagt die Ministerpräsidentin sogar das, was man in Vorstandsetagen besonders gerne hört: „Wir als Politiker haben die Aufgabe, Ihnen keine Knüppel in die Beine zu werfen.“ Dann nimmt sie den Hauptausgang.