NRW-Schulministerium will trotz Kritik mit Ditib kooperieren

Christopher Onkelbach
Als erstes Bundesland hatte NRW zum Schuljahr 2012/13 islamischen Religionsunterricht als Unterrichtsfach eingeführt. Heute werden mehr als 16 000 Schüler an 200 Grund- und weiterführenden Schulen unterrichtet.
Als erstes Bundesland hatte NRW zum Schuljahr 2012/13 islamischen Religionsunterricht als Unterrichtsfach eingeführt. Heute werden mehr als 16 000 Schüler an 200 Grund- und weiterführenden Schulen unterrichtet.
Foto: picture alliance / dpa
Beim Präventionsprogramm "Wegweiser" beendet die Landesregierung die Zusammenarbeit mit Ditib, das Schulministerium hält aber am Partner fest.

Essen. Erstaunt, irritiert und verwundert – so äußerte sich der Islamverband Ditib über die Entscheidung von NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD), die Zusammenarbeit mit dem Verband in dem Kölner Präventionsprogramm „Wegweiser“ aufzukündigen. Jäger hatte seine Entscheidung damit begründet, Ditib habe sich nicht ausreichend von einem Comic der türkischen Religionsbehörde Diyanet distanziert, in dem der Märtyrertod verherrlicht werde.

Das Vertrauen in die Arbeit der Landespolitik sei gestört, erklärte Ditib. Ob dies Auswirkungen für die Zusammenarbeit mit der Landesregierung in anderen Bereichen habe, ließ der Verband in der Stellungnahme vielsagend offen. Denn anders als ihr Kabinettskollege Jäger hält Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) an einer Kooperation bisher fest: Ditib ist Mitglied im achtköpfigen Beirat, der das Land bei den Vorgaben für die Gestaltung des Islamkundeunterrichts an NRW-Schulen berät. Das soll auch bis zum Ende des Modellvorhabens im Jahr 2019 so bleiben, erklärte das Schulministerium.

„Wir sind wachsam“

Der Beirat wurde vor fünf Jahren eingerichtet, um die religiösen Grundsätze der Muslime gegenüber dem Land zu formulieren und bei der Erstellung der Lehrpläne sowie der Auswahl der Religionslehrer mitzuwirken. Vertreten sind neben der „Türkisch Islamischen Union der Anstalt für Religion“ (Ditib) drei weitere Islamverbände sowie vier vom Ministerium berufene Sachverständige. Der gemischte Beirat soll damit eine vergleichbare Rolle wie die Kirchen beim evangelischen und katholischen Religionsunterricht übernehmen.

Das Schulministerium setzt auch in Zukunft auf die Kooperation mit Ditib in dem Beirat. „Ditib hat dort nur eine von acht Stimmen. Aber wir sind wachsam und beobachten genau, ob die aktuelle Entwicklung in der Türkei Auswirkungen auf die Arbeit in dem Beirat hat“, so die Sprecherin. Der Beirat sei zwar beteiligt an der Erstellung von Lehrplänen und -materialien, doch letztendlich läge dies allein in der Verantwortung der Landesregierung, der Unterricht werde nur von staatlichen Lehrkräften erteilt. Einen Einfluss auf den praktischen Unterricht gebe es nicht.

Warnung vor Ankaras Einfluss

Ditib mit Hauptsitz in Köln ist der Dachverband der rund 900 türkisch-islamischen Vereine in Deutschland. Da der Verband stark in der türkischen Gemeinde in NRW verankert ist, die den Großteil der muslimische Schüler stellt, ist die Zusammenarbeit in dem Beirat für die Landesregierung wichtig. Der Verband gilt als gemäßigt orthodox und stark von der türkischen Religionsbehörde beeinflusst – Kritiker bezeichnen ihn als „verlängerten Arm Erdogans“.

Seit dem gescheiterten Putsch gegen den türkischen Staatschef und den folgenden Repressionen gegen Kritiker und Oppositionelle steht Ditib verstärkt unter Beobachtung. So forderte der Grünen-Vorsitzende Cem Özdemir, den Einfluss des Islamverbands auf den Religionsunterricht zurückzudrängen. Ditib gehe es „in erster Linie um Politik und nicht um Religion“. Volker Beck, religionspolitischer Sprecher der Grünen im Bundestag, warnte: „Wer mit Ditib kooperiert, kooperiert mit Ankara und nicht mit einer Religionsgemeinschaft in Deutschland.“ Allerdings lobte Beck das NRW-Modell, wonach Ditib in dem Beirat – anders als in anderen Bundesländern – nur ein Mitglied stelle. Dies sei „eine gute Übergangslösung“.

Kraft ging auf Distanz

Davon ist die NRW-Opposition offenbar nicht überzeugt. So forderte der FDP-Vorsitzende Christian Lindner die Schulministerin auf, „Konsequenzen zu ziehen“, sollte sich der Verband nicht von Ankara distanzieren. Die CDU verlangte, die Schulkinder vor dem Ditib-Einfluss zu schützen.

Auch Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) ging mit Blick auf mögliche Einflussversuche der türkischen Regierung auf den Islamverband zuletzt auf Distanz. „Es verstärken sich die Zweifel, dass Ditib den Kriterien zur Einstufung als Religionsgemeinschaft entspricht“, sagte sie. Die vier wichtigsten Islamverbände streben schon lange die Aufwertung als Religionsgemeinschaft an. Als Körperschaften öffentlichen Rechts wären sie unabhängig in der Gestaltung des Religionsunterrichts, hätten finanzielle Vorteile und Mitspracherechte in öffentlichen Gremien.

In dem laufenden Prüfverfahren hat die Landesregierung nun um eine Ergänzung des Gutachtens gebeten. Darin soll geklärt werden, ob die Islamverbände die nötige Staatsferne aufweisen, um als Religionsgemeinschaft im Sinne des Grundgesetzes anerkannt zu werden. Zugleich betonte Kraft, dass die Landesregierung im Interesse der vielen muslimischen Kinder, die das Angebot an den Schulen wahrnehmen, an der Zusammenarbeit festhalten werde.

Mehr als 16 000 Schüler

An den Schulen in NRW gibt es laut Schulministerium etwa 349 000 muslimische Schüler. Derzeit erhalten 16 100 Schüler von 167 Lehrern an 200 Schulen islamische Religionsunterricht. Das Fach kann in NRW nur in Münster studiert werden. 2019 verlassen die ersten Absolventen die Universität.