NRW-Ministerin muss als alleinerziehende Mutter gut planen

Tobias Blasius
Auch für Ministerin Barbara Steffens ist es manchmal schwierig, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen.
Auch für Ministerin Barbara Steffens ist es manchmal schwierig, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen.
Foto: Tim Schulz/Funke Foto Services
NRW-Ministerin Barbara Steffens spricht im Interview über den Spagat von Politik und Privatleben, unpassende Chef-Sprüche und heikle SMS-Nachrichten.

Düsseldorf. Als Landesministerin für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter arbeitet Barbara Steffens (Grüne) für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Als eine der ganz wenigen alleinerziehenden Mütter in einem politischen Spitzenamt erlebt die 52-Jährige die alltäglichen Unvereinbarkeiten auch ganz persönlich.

Ministerin und alleinerziehende Mutter – was ist die größte Herausforderung?

Barbara Steffens: Anders als viele andere Alleinerziehende bin ich als Abgeordnete oder Ministerin immer in der privilegierten Lage gewesen, mir Betreuungshilfe leisten zu können. Mir ist sehr bewusst, dass das ein Luxus ist, den viele Frauen nicht kennen. Eines aber gilt gleichermaßen für Ministerin, Erzieherin, Krankenschwester oder Pflegekraft: Als Mutter braucht man in allererster Linie Verlässlichkeit.

Berufstätige Eltern sind darauf angewiesen, dass vereinbarte Zeiten eingehalten werden. Der von manchem Chef so leicht dahingesagte Satz "Auf die Stunde kommt’s doch heute nicht an" lässt völlig außer Acht, dass eine Stunde für die Betreuungskette eines Kindes fast den Weltuntergang bedeuten kann.

Ihr älterer Sohn ist 20 und schon aus dem Haus, der jüngere erst 12. Lässt sich in einem Ministeramt der Tag wirklich so strikt planen?

Steffens: Wie andere berufstätige Mütter muss ich Familienzeit sehr konsequent planen. Wenn ich also nicht gerade ganz früh nach Berlin fliegen muss oder andere unaufschiebbare Verpflichtungen habe, lege ich Termine grundsätzlich so, dass ich noch gemeinsam mit meinem Sohn frühstücken und das Haus verlassen kann.

"Nehme mir oft Akten mit nach Hause"

Abends nehme ich mir oft Akten mit nach Hause, die ich auch nach dem gemeinsamen Essen mit meinem Sohn noch bearbeiten kann.

Politik ist oft ein familienunfreundliches Abendgeschäft. Können Sie sich dem entziehen?

Steffens: Das ist eine Frage der Organisation. Man kann und muss sich als Mutter in der Politik manchen Ritualen ein Stück weit entziehen. Wenn ich während Koalitionsverhandlungen auch mal nachts arbeiten muss, sorge ich natürlich dafür, dass das zuhause funktioniert.

Ich habe aber gleich nach Amtsantritt klargestellt, dass ich es für keine zielgerichtete politische Arbeitsweise halte, ohne Not abends in Hinterzimmern von Kneipen zu diskutieren. Tagsüber lässt sich Vieles konzentrierter besprechen. Ich habe dafür viele positive Rückmeldungen erhalten – übrigens auch von Männern.

"Für meinen Sohn bin ich jederzeit erreichbar"

Der Sturz in der Schule oder plötzliches Fieber zerstören doch jede noch so gute Planung.

Steffens: Für meinen Sohn bin ich jederzeit erreichbar. Er kann mich übers Handy anrufen, über das Ministerium und bei auswärtigen Terminen auch über meine Fahrer. Wenn während der Kabinettssitzung zuhause etwas passiert, hat er die Nummer der Staatskanzlei und kann mich herausrufen lassen.

Sie sitzen mit der Ministerpräsidentin zusammen und lassen sich wegen einer verhauenen Mathearbeit aus dem Kabinett rufen?

Steffens: Wenn es etwas gibt, was im Leben des Kindes gerade wichtig erscheint, müssen sie als Mutter ansprechbar sein. Bei einer verhauenen Mathearbeit bin ich mir allerdings ziemlich sicher, dass mir mein Sohn nur kurz vor der Kabinettssitzung eine SMS schicken würde, weil er weiß, dass ich dann erst einmal einige Stunden nichts dazu sagen kann.

"Johannes Rau hat es mir leicht gemacht" 

Wenn man auf alten Fotos sieht, wie Sie 1995 mit Ihrem Sohn auf dem Arm neben dem Ministerpräsidenten Johannes Rau den rot-grünen Koalitionsvertrag unterschreiben, strahlt das große Selbstverständlichkeit aus. Woher kam das?

Steffens: Grundsätzlich vertrat ich schon damals die Ansicht, dass junge Mütter der Politik gut tun, weil sie ganz bestimmte Alltagsprobleme aus eigener Erfahrung kennen und dadurch Veränderungen bewirken können. In der konkreten Situation der Koalitionsverhandlungen hat es mir als Mutter aber vor allem Johannes Rau leicht gemacht.

Rau mochte die Grünen nie sonderlich, dafür aber deren Kinder?

Steffens: Zu meinem kleinen Sohn war Rau damals einfach klasse. Er hat mir für die Koalitionsverhandlungen ein Zimmer in der NRW-Landesvertretung Bonn besorgt, wo wir tagten. Eine Sozialdemokratin musste dafür sogar ins Hotel umziehen.

Steinbrück war weniger tolerant

So konnte ich arbeiten und der Kleine nebenan schlafen. In Verhandlungspausen hat Rau meinem Sohn gerne vorgemacht, wie ein Huhn gurrt. Das konnte er glänzend.

2003 war die Atmosphäre weniger herzlich. Ministerpräsident Peer Steinbrück warf Sie aus dem Koalitionsausschuss, weil Sie Ihren Säugling mitgebracht hatten.

Steffens: Es ging damals nur darum, eine halbe Stunde bei der Kinderbetreuung zu überbrücken, weil mein damaliger Mann sich im Schneegestöber verspätet hatte. Aber Steinbrücks Haltung war: Kinderwagen haben in der Politik nichts zu suchen. Ich glaube, dass Politik und Wirtschaft heute insgesamt weiter sind. Wer als Mutter oder Vater das Kind ausnahmsweise mit zur Arbeit nehmen muss, wird nicht mehr so leicht als Störenfried hingestellt.