NRW fürchtet den langen Arm von Erdogan

An Rhein und Ruhr. Der gescheiterte Militärputsch in der Türkei lässt den ohnehin großen Einfluss des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan auf die konservative türkischstämmige Bevölkerung in Nordrhein-Westfalen weiter steigen. Binnen Stunden nach den ersten Nachrichten über die Unruhen in Istanbul gingen auch in NRW Tausende Menschen auf die Straße.

Über Telefonketten und soziale Medien wurden sie mobilisiert. Die größten Demonstrationen fanden mit etwa 5000 Teilnehmern in Essen und mit rund 3000 Menschen in Duisburg statt. In zahlreichen weiteren Städten gab es spontane Pro-Erdoğan-Kundgebungen.

„Erdoğans Arm reicht sehr stark nach NRW herein, das zeigt schon die Bereitschaft, auch hier für ihn auf die Straße zu gehen“, sagt die Kölner CDU-Landtagsabgeordnete Serap Güler. Zwar sei die Anteilnahme der hier lebenden türkischstämmigen Menschen verständlich, doch „wenn Anteilnahme in Gewalt umschlägt, wie zuletzt in Gelsenkirchen, dürfen wir das nicht akzeptieren“. Güler bezieht sich auf Angriffe von Erdoğan-Anhängern am Samstag auf einen türkischen Jugendtreff, der von der Gülen-Bewegung betrieben wird. Fethullah Gülen gilt als Erdoğans Erzfeind. Die Demonstranten warfen Fensterscheiben ein.

Großer Einfluss

In NRW leben nach Angaben des Statistischen Landesamtes fast eine Million Menschen mit türkischen Wurzeln. Unter ihnen genießt Erdoğan einen noch größeren Rückhalt als in der Türkei selbst. Bei der Präsidentschaftswahl 2014 stimmten drei Viertel der in NRW lebenden Wahlberechtigten für ihn, deutschlandweit waren es 68,6 Prozent. Insgesamt erhielt Erdoğan 51,8 Prozent. Über die UETD, die Union Europäisch-Türkischer Demokraten mit Sitz in Köln und den religiösen Dachverband Ditib gelingt es der türkischen Regierungspartei AKP, Anhänger in Deutschland zu mobilisieren. „Dies ist Erdoğans verlängerter Arm“, sagt Güler.

„Erdoğan hat sehr großen Einfluss in Deutschland“, sagt auch Ahmet Toprak, Professor für angewandte Sozialwissenschaften und Integrationsexperte an der Fachhochschule Dortmund. Er befürchtet, dass die „enthemmte Stimmung“ in der Türkei auf Deutschland überschwappen könnte. „Jetzt wird alles angegriffen, was unliebsam ist.“