Nordrhein-Westfalen - Ein Land als Kind des Kalten Krieges

Feierliche Eröffnung des Landtags im Düsseldorfer Opernhaus am 2. Oktober 1946. Das Gebäude war der einzige Ort, der für die Konstituierung des Parlaments geeignet war. Die Abgeordneten saßen im Zuschauerraum.
Feierliche Eröffnung des Landtags im Düsseldorfer Opernhaus am 2. Oktober 1946. Das Gebäude war der einzige Ort, der für die Konstituierung des Parlaments geeignet war. Die Abgeordneten saßen im Zuschauerraum.
Foto: LAV NRW R, RWB 1440_0013 Presseb
Die britische Besatzungsmacht gründet Nordrhein-Westfalen 1946 um das Ruhrgebiet herum. Die Einheit der Industrieregion sollte erhalten bleiben.

Essen.. „Nach den misslungenen Versuchen von Frankfurt und Weimar steht heute das deutsche Volk bei seinem dritten Versuch, einen gesunden, auf Gerechtigkeit und Wahrheit beruhenden Volksstaat aufzurichten. Dieser Versuch ist eine letzte Möglichkeit. Sein Erfolg oder Misserfolg entscheidet über die deutsche Zukunft.“ Nordrhein-Westfalen ist nicht einmal zwei Monate alt, als Ministerpräsident Rudolf Amelunxen bei der Eröffnung der ersten Landtagssitzung im Düsseldorfer Opernhaus tief in die Geschichtsbücher schaut. Seine Taufrede auf das junge Bundesland kommt nach heutigem Geschmack dramatisch daher. Aber mit Drama kennen sich die Deutschen damals aus. Es ist der 2. Oktober 1946.

Wenige Wochen zuvor, am 23. August, hat die britische Besatzungsmacht mit der Militärverordnung Nr. 46 ein Staatsgebilde geboren, das es auf deutschem Boden so noch nicht gegeben hat. Nordrhein/Westfalen heißt das Land – damals noch mit Schräg- statt Bindestrich geschrieben und von den Briten zusammengepuzzelt aus der Provinz Westfalen und dem Nordteil der preußischen Rheinprovinz.

Bevölkerung hatte andere Sorgen

Die Menschen an Rhein und Ruhr nehmen von diesen Vorgängen kaum Notiz. Sie haben andere Sorgen. Im Jahr eins nach der Stunde null quält ein besonders heißer und trockener Sommer das Land. Die Ernteerträge auf den Äckern im Rheinland und in Westfalen bleiben hinter den Erwartungen zurück. Seit gerade einmal einem guten Jahr ruhen nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges in Europa die Waffen. Das Land zwischen Rhein und Weser liegt wie der Rest des Deutschen Reichs in Schutt und Asche.

Der Wiederaufbau läuft schleppend, das Wirtschaftswunder wird Deutschland erst drei Jahre später – nach Währungsreform und Gründung der Bundesrepublik – aus der Niedergeschlagenheit reißen. 1946 mangelt es noch an allem: Nahrungsmittel, Infrastruktur, Wohnraum. Und die ausgemergelten Deutschen haben den schlimmen Hungerwinter ‘46/’47 mit wochenlangen Temperaturen weit unter dem Nullpunkt noch vor sich.

Weltpolitik der Siegermächte

Längst betreiben die Siegermächte – Großbritannien, Frankreich, die USA und die Sowjetunion – da schon Weltpolitik auf deutschem Boden. Der Kalte Krieg wirft seine Schatten voraus. Und NRW ist ein Kind des Kalten Krieges mit Eltern, die in London wohnen. Zu verdanken hat Nordrhein-Westfalen seinen einzigartigen Schöpfungsakt also den Briten. Den Antrieb dazu gab freilich: das Ruhrgebiet.

Um dieses industrielle Herz Deutschlands in den Wirren der unmittelbaren Nachkriegszeit nicht völlig ausbluten zu lassen und es dem Einfluss der Sowjetunion zu entziehen, schmieden die Briten schon kurz vor Kriegsende geheime Pläne für die Region.

Angst vor den Kommunisten

Auch ihren französischen Alliierten trauen sie nicht über den Weg. Denn wie schon nach dem Ersten Weltkrieg will Frankreich den Erzfeind Deutschland dauerhaft am Boden sehen und das Ruhrland als „internationales Territorium“ aus dem Reichsgebiet heraustrennen.

Das hält Großbritannien für falsch. Die Briten sorgen sich um die innere Stabilität des neuen Deutschlands, die sie ohne die wirtschaftliche Kernregion an Rhein und Ruhr für gefährdet halten. Schon Anfang 1945 wird in London die Gründung eines westlichen Teilstaates auf dem Gebiet des Deutschen Reichs erwogen. Britischen Politikern und Militärs schwebt eine Zusammenlegung der preußischen Westprovinzen Rheinland und Westfalen vor. Einziger Zweck: Das Ruhrgebiet soll in einen wirtschaftlich lebensfähigen und politisch stabilen Staatsorganismus eingebettet werden.

NRW wurde um das Ruhrgebiet gegründet

Ziel der britischen Besatzungsmacht sei es gewesen, die größte Industrieregion Europas und einstige Waffenschmiede des Nazi-Reichs vor kommunistischer Unterwanderung zu schützen, sagt Christoph Nonn. Der Historiker, Autor des Buches „Geschichte Nordrhein-Westfalens“, ist Lehrstuhlinhaber an der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität und gilt als Spezialist für die jüngere NRW-Geschichte. Nonn: „Die damalige Labour-Regierung in London unter Premierminister Clement Attlee verabscheute die Kommunisten. Die Briten wollten die Arbeiterregion an der Ruhr unbedingt vor roter Un­terwanderung bewahren.“

Dazu sollte das Industrieland an der Ruhr mit dem eher konservativen Westfalen und dem Rheinland verschmolzen werden. Die ländlichen Regionen sollten, so die britische Idee, zudem die Versorgung des Ruhrgebiets mit landwirtschaftlichen Produkten sicherstellen. „Das neue Land ist quasi um das Ruhrgebiet herum gegründet worden“, sagt Christoph Nonn. „Ohne das Ruhrgebiet wäre Nordrhein-Westfalen wohl gar nicht entstanden.“

Michael Kohlstadt

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