Nordkoreas Staudamm mit DDR-Knowhow

Richard Kiessler

Pjöngjang. Richard Kiessler reist durch Nordkorea und beschreibt das Land. In Teil 3 seines „Nordkoreanischen Tagebuches“ geht es um einen Riesenstaudamm, der mit DDR-Hilfe entstand.

Im Hotel Koryo herrscht kein Hochbetrieb. Nicht einmal ein Dutzend Gäste bevölkert morgens den Frühstücksraum. Im Angebot: Ein blassgelbes Omelett, zwei Scheiben Toast, Butter aus Neuseeland, Marmelade, ein Glas Trinkjoghurt und ein Kaffe, der freilich niemanden wach zu machen verspricht.

Draußen wieder Sonne, über 20 Grad schon am Morgen. Wir befinden uns in Pjöngjang auf der Höhe von Sizilien. Die Fahrt in unserem Toyota-Kleinbus am Dae Dong Fluss führt an endlosen Reisfeldern vorbei. Schon am frühen Morgen, vor acht Uhr, sehen wir tausende bei der Arbeit, die gebückt die Setzlinge ausbringen. Im Gänsemarsch marschieren Jugendabordnungen mit den roten Halstüchern der jungen Pioniere zum Arbeitseinsatz. Nur ganz vereinzelt haben die Menschen dort in den Reisfeldern maschinelle Hilfe. Wasserbüffel prägen das Bild der Arbeiten auf dem Land.

Achtspurige Autobahn ohne Leitplanken

In der „Freundschaftsglasfabrik“ Däan stellen tausend Arbeiter in drei Schichten rund um die Uhr zehn Millionen Quadratmeter Glas im Jahr her, drei Millimeter stark, die Hälfte für den Export nach China. Der Parteisekretär, Herr Lim, ist stolz auf seinen Vorzeigebetrieb, dessen Anlagen Nordkoreas chinesische Verbündete geliefert haben.

Auf der achtspurigen Autobahn (ohne Leitplanken) in Richtung Küste sind heute morgen erstaunlich viele Lastwagen unterwegs – offenbar mit Gütern vom Hafen Nanpo. Schließlich erreichen wir nach einer weiteren Stunde das Gelbe Meer, das in Wahrheit tiefblau ist und das die Koreaner „Sohae“ nennen, das Westmeer.

Vor dreißig Jahren haben sie hier eine Schleuse und einen acht Kilometer langen Damm gebaut, um die Mündung des Dae Dong Flusses aufzustauen. Bis dahin war der Dae Dong so salzhaltig, dass er weder für die Landwirtschaft nutzbar war noch Brauchwasser für die Industriebetriebe am Ufer liefern konnte. Und regelmäßig wurden Teile der Hauptstadt Pjöngjang überflutet.

Hilfe aus der DDR

Die Idee für dieses Vier-Milliarden-Dollar-Projekt kam, wen wundert es, natürlich von Kim Il Sung: „Ohne unser Vertrauen in unseren großen Führer hätten wir die Schleuse nie bauen können“, erklärt uns der zuständige Betriebsdirektor ohne mit der Wimper zu zucken.

„30 000 Bauschaffende begannen jeden neuen Tag im Schweiße ihres Angesichts“, erfahren wir im Besucherzentrum. Wir sehen einen langen Film, unterlegt mit patriotischen Gesängen begeisterter Arbeiter. Deren Schweiß war es offenbar wert: Jetzt können 300 000 Hektar Land an den Ufern des Dae Dong bewässert werden.

Dass die untergegangene DDR mit Ingenieurwissen beim Bau der Westmeerschleuse brüderliche Hilfe leistete, erfahren wir nicht.

300 Millionen Dollar kostet ein Atomtest

Das Regime möchte uns zeigen, dass im Land Kim Jong Il’s, der heute auf der ersten Seite der „Pjöngjang Times“ mit einer Bildergalerie seines kürzlichen Besuches in China zu sehen ist, alles in Ordnung ist. Der „General“, der mit seinen Atomtests (Kosten pro Versuch: 300 Millionen Dollar) weltweit für Furcht und Schrecken sorgt, gilt als wieder genesen. Aber das vom Ausland abgeschottete Regime, das gerne mit dem Westen mehr Kontakte hätte, und sich ignoriert fühlt, glaubt nur mit Härte überleben zu können.

Im privaten Gespräch kann man sehr wohl heraushören, dass dieses nordkoreanische Regime kein monolithischer Block ist. Es gibt sehr wohl Diskussionen und unterschiedliche Akzente. Doch diejenigen, die für einen Wandel eintreten, scheinen derzeit in die Minderheit geraten zu sein. Aber das sind alles Tabu-Themen, die man mit aller Vorsicht ansprechen muss.

Unbestritten bleibt, dass das Netzwerk der regierenden Arbeiterpartei auf allen Ebenen funktioniert. Die Partei kommuniziert von oben nach unten in jedes Dorf und jeden Betrieb. So lange dies funktioniert, wirkt die Kontrolle.

„Jetzt ist die Qualität auf Weltniveau“

So auch in der Textilfabrik Nummer 1 in Pjöngjang, die der „Geliebte Führer“ schon 48 Mal besucht hat. Mit Erfolg: „Jetzt ist die Qualität auf Weltniveau“, behauptet die Parteisekretärin, Frau Park.

„Verdiente Spinnerinnen“, erfahren wir, „können hier bis zu 70 Webstühle auf einmal bedienen“. Diesen „Heldinnen“ wird mit Erinnerungsfotos gedacht. Eine von ihnen soll schon über 70 sein und immer noch spinnen, obgleich Frauen normalerweise in Nordkorea mit 55 Jahren in Rente gehen.

„Die Arbeiterinnen“, berichtet Frau Park, „fühlen sich mit unserem Staatschef so eng verbunden wie mit einer Familie“. Sie nennen ihn „unser Vater“. Kim habe mit ihnen in der Kantine gegessen, „die gleichen Portionen wie die Spinnerinnen. Und er hat Männer in die Fabrik geschickt, damit die Arbeiterinnen heiraten konnten“. Na toll.

Schlüssel leider unauffindbar

9 000 Frauen arbeiten hier zum staatlich festgesetzten Monatslohn von 3000 Dong – dies entspricht einer Kaufkraft von 55 Dollar. In den neunziger Jahren, die sie in Nordkorea „die schwere Zeit“ nennen, war auch diese Textilfabrik für einige Jahre geschlossen. Es gab weder Strom noch Baumwolle. Jetzt läuft der Betrieb wieder, aber offensichtlich noch nicht mit voller Kraft.

Als wir Produkte sehen wollen, zuckt Frau Park bedauernd mit den Schultern: Der Schlüssel zum „Showroom“ ist leider unauffindbar.

Mehr zum Thema: