Nordkorea ist der dunkle Stern Asiens

Richard Kiessler

Pjöngjang. Nordkorea ist geheimnisvoll. Das Land macht vielen Menschen Angst. Aber wie sieht es dort wirklich aus? Was bewegt die Menschen abseits der großen Politik? Unser Korrespondent Richard Kiessler war vor Ort und hat ein nordkoreanisches Tagebuch geschrieben.

Der Flug CA 121 der Air China von Peking nach Pjöngjang ist nicht ausgebucht. Was erwartet mich wohl in Nordkorea, dem „dunklen Stern Asiens“, dem „schwarzen Loch der Erde“, dessen Lichter nachts aus Strommangel kaum strahlen sollen.

Über diese „letzte Festung des Kommunismus“ sind vielerlei Klischees verbreitet: Dort huschten ausgemergelte Menschen als graue Gestalten durch verschimmelte Hochhaus-Siedlungen, habe ich gelesen, dort lernten die Kinder mit Panzern und Raketen das Rechnen, dort wüssten die Menschen nicht, wie die Welt draußen aussieht, dort hantiere ein todkranker Weltklasse-Diktator mit Atombomben herum, für die er allerdings keine Raketen habe.

Die Boeing 737 rumpelt über die Piste des weithin verwaisten Flughafens. Ich sehe einige ungenutzte Maschinen, meist russischer Bauart, der Staatsfluglinie Air Koryo.

„Koryo“ heißt auch das zweitürmige Hotel mit 44 Stockwerken und drehbarem Restaurant, wo ich wohnen werde. Auf der Fahrt nach Pjöngjang sehen wir kaum Autos, aber hunderte von Menschen, die knöcheltief in den Reisfeldern arbeiten: Jetzt müssen die Pflanzen gesetzt werden, der kalte Frühling in Nordkorea hat die Saattermine verzögert.

Soldaten im Reisfeld

„Wer Reis isst“, sagt mein mir zugeordneter Begleiter, Herr Lee, „der muss auch was für die Landwirtschaft tun“. So erklärt sich, dass Industriebetriebe und Ministerien die Brigaden der Menschen für die Reissaat verstärken müssen. Auch die 1,2 Millionen-Armee schickt kompaniestarke Helfer in die Reisfelder.

Nordkorea hat ein Problem. Allenfalls 20 Prozent des meist gebirgigen Landes sind landwirtschaftlich nutzbar. Für die 23,8 Millionen Menschen stehen zwei Millionen Hektar Anbaufläche zur Verfügung, davon 1,5 Millionen für das Hauptnahrungsmittel Reis. Aber es fehlt an allem: Die Böden sind vielfach ausgelaugt, die von der UNO wegen der nordkoreanischen Nuklearrüstung verhängten Sanktionen erschweren die Einfuhr von Dünger. Manche Felder werden mit einer Mischung aus Fäkalien und Asche gedüngt.

Zum Kofferauspacken bleibt keine Zeit. Zum Abendessen am runden Tisch erwartet uns Ri Jong Chol, der stellvertretende Leiter der Internationalen Abteilung des Zentralkomitees der koreanischen Arbeiterpartei. Er kennt Italien, hat dort 12 Jahre als Diplomat gearbeitet.

Bei der WM in einer „Todesgruppe“

Zwei junge Kellnerinnen in den traditionellen koreanischen langen Seidenkleidern, die eine in rosa, die andere in hellgrün, servieren lächelnd gebratenes Hühnchen und Erbsenpasteten-Salat, dann ein Schälchen mit dem unvermeidlichen, aber gesundheitsfördernden Kimchi, später gegrillte Meeräsche, Ginko mit Dattel, Schweinefleisch, Gemüsesaft, eine klare Suppe mit Fleischkügelchen, Eiscreme, Obst und jede Menge grünen Tee.

Der Parteifunktionär Ri lockert die steife Konversation auf. Er spricht über Fußball. Zum ersten Mal seit 44 Jahren hat sich eine nordkoreanische Elf wieder für eine Fußball-WM qualifiziert, erzählt er nicht ohne Stolz. Unvergessen ist, dass man 1966 die Italiener in England besiegt hat – und uns Deutschen das dritte Tor vorenthalten wurde.

„Aber wir sind in einer Todesgruppe“, schränkt Herr Ri die Chancen in Südafrika ein – „im ersten Spiel gegen Brasilien, dann gegen Portugal und die Elfenbeinküste . . .“

Das Schlimmste ist, die nordkoreanischen Fans werden die WM nicht im Fernsehen verfolgen können. Wegen der anhaltenden politischen Spannungen mit Südkorea sind alle Verträge gekündigt worden. Ob das die nordkoreanischen Fans schon wissen?

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