Neues Klima der Offenheit hilft Opfern von Verbrechen

Missbraucht und erwürgt wurde Mary-Jane (7) aus Zella-Mehlis. Der Täter steht vor Gericht, erwartet das Urteil. Die Eltern müssen weiterleben mit dem Wissen über das Leiden ihrer kleinen Tochter. Menschen wie ihnen helfen die Berater des „Weißen Rings“ weiter.  Foto: Jens-Ulrich Koch/dapd
Missbraucht und erwürgt wurde Mary-Jane (7) aus Zella-Mehlis. Der Täter steht vor Gericht, erwartet das Urteil. Die Eltern müssen weiterleben mit dem Wissen über das Leiden ihrer kleinen Tochter. Menschen wie ihnen helfen die Berater des „Weißen Rings“ weiter. Foto: Jens-Ulrich Koch/dapd
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Seit der breiten Debatte um Kindesmissbrauch in Internaten und anderen großen Einrichtungen verzeichnen die Betreuer mehr Anfragen. Die Hilfsangebote halten mit dem wachsenden Bedarf aber nicht Schritt, sagt die Bundesvorsitzende der Organisation.

Düsseldorf. Opfer von ­Gewalt- und Sexualstraftaten erfahren in Deutschland mehr Unterstützung und Verständnis als in früheren Zeiten. „Es gibt heute eine größere Offenheit als noch vor zehn Jahren“, sagte die Bundesvorsitzende der Opferschutzorganisation „Weißer Ring“, Roswitha Müller-Piepenkötter, im Gespräch mit dieser Zeitung. Die zuletzt viel beachtete öffentliche Aufarbeitung von Missbrauchsskandalen in Kirchen und Schulen oder die Einrichtung eines „Runden Tisches“ bei der Bundesregierung hätten zur Enttabuisierung beigetragen, so die frühere nordrhein-westfälische Justizministerin.

Beratung am Telefon

„Wenn wir dauerhaften Rechtsfrieden wollen, müssen wir uns noch stärker den ­Opfern zuwenden“, forderte Müller-Piepenkötter. Justiz, Politik und Medien fokussierten sich noch zu häufig auf die Täterperspektive. Wichtig sei deshalb der Ausbau von leicht zugänglichen Hilfsangeboten für Opfer. So werde der ­„Weiße Ring“ sein kostenfreies telefonisches Hilfsangebot (Tel.: 116006, täglich 7 bis 22 Uhr) in Deutschland drastisch erweitern. Ziel sei es, die Zahl der Telefonberater zu verdoppeln, so Müller-Piepenkötter.

Menschen in akuter Not oder traumatisierte Ver­brechensopfer suchten nach ­unkomplizierter Beratung, schneller Vermittlung zur richtigen Organisation und Behörde sowie verständnisvoller ­Zuwendung. Schon heute gehen beim „Weißen Ring“, der 3000 Ehrenamtliche beschäftigt und sechs Millionen Euro pro Jahr für Opferhilfe ausgibt, monatlich 2000 Anrufe ein.

Vor allem im Ballungsraum Rhein-Ruhr sucht Müller-Piepenkötter noch zahlreiche Interessierte, die sich zum ehrenamtlichen Opfer-Helfer ausbilden lassen wollen und einige Stunden pro Woche von zu Hause aus mitarbeiten können (Info: www.weisser-ring.de).

Vor allem bei Straftaten wie häuslicher Gewalt, Vergewaltigung oder Kindesmissbrauch zählen die Ehrenamtler des „Weißen Rings“ zu den wichtigsten ersten Ansprechpartnern der Opfer. Der Weiße Ring wurde 1976 unter anderem von dem Fernsehjour­nalisten Eduard Zimmermann gegründet. Er zählt mit ­bundesweit 420 Anlaufstellen zu den größten Opfer-Hilfs­organisationen in Europa.

 
 

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