Neue Pläne für die Dortmunder Steinwache

Michael Kohlstadt
DORTMUND - Am Mittwoch, den 26.10.2016 wurde die Mahn- und Gedenkstätte Steinwache in Dortmund fotografiert. Foto: Fabian Strauch / FUNKE FotoServices
DORTMUND - Am Mittwoch, den 26.10.2016 wurde die Mahn- und Gedenkstätte Steinwache in Dortmund fotografiert. Foto: Fabian Strauch / FUNKE FotoServices
Foto: Fabian Strauch

Dortmund.  Gefängnisse sind selten schön. Die Treppen in der Dortmunder Steinwache aber sind ein beliebtes Fotomotiv. Wegen ihres gusseisernen 20er-Jahre-Geländers, ihrer über vier Stockwerke verlaufenden strengen Symmetrie. In der Weimarer Zeit galt die Steinwache sogar als Vorzeigeknast. Fließend Wasser gehörte damals nicht zum Standard preußischer Arrestzellen. Für die Notdurft gab’s andernorts nur Eimer.

Heute ist die Steinwache nur noch als Schreckensort bekannt. Gestapo-Gefängnis von ‘33 bis ‘45. Die „Hölle Westdeutschlands“, wie es in zeitgenössischen Berichten hieß. 66 000 Menschen wurden hier in zwölf Jahren NS-Diktatur eingekerkert. Zwangsarbeiter zumeist, zusammengetrieben aus den Rüstungsschmieden des Ruhrgebiets, weil ihnen das NS-Regime „Verbrechen“ vorwarf wie Arbeitsverschleppung oder „Rassevergehen“. Auch politisch Verfolgte, Gewerkschafter, Kirchenmänner verschwanden in dem unauffälligen Gebäude direkt am Dortmunder Hauptbahnhof. Viele der meist namenlosen Häftlinge verschleppten die NS-Schergen später in Konzentrationslager. Niemand kennt die Zahl derjenigen, die Haft, Verhöre und Deportation in die Vernichtungslager nicht überlebten.

20 000 Besucher im Jahr

Seit knapp 25 Jahren ist die Steinwache Mahn- und Gedenkstätte. Ein steinerner Zeuge der Nazi-Barbarei, den es abseits der großen KZ-Gedenkorte kaum mehr gibt. Mitten in der Stadt gelegen, zwischen Arbeitsagentur, Fußballmuseum und einem Großkino. Die Topografie des Terrors, man kann sie hier noch anfassen. Gitterstäbe, Zellen, Türen, Geländer, das Gekritzel verzweifelter Menschen an den Zellenwänden: Die Steinwache wirkt erschütternd authentisch. Denn ausgerechnet dieser Terrortrakt überstand unbeschädigt die alliierten Bombenangriffe gegen Ende des Zweiten Weltkriegs – als eines der wenigen Gebäude in der Dortmunder Innenstadt.

Vieles also ist original erhalten, wenn auch die Schwerverbrecherzellen im Keller mit ihren gemauerten Pritschen, den in der Wand eingelassenen Ringen und den mit Bleikugeln verstärkten Peitschen noch aus preußischer Peinigerzeit stammen.

Allein 400 Schulklassen schieben sich Jahr für Jahr durch die Gefängnisflure, zwängen sich in eine der bedrückend engen 40 Zellen. 20 000 Besucher insgesamt. Damit zählt die Steinwache zu den meistbesuchten NS-Gedenkstätten in NRW. Doch sie ist in die Jahre gekommen. Die über 30 Jahre alte Dauerausstellung wirkt altbacken. Die Geschichte der Opfer der Nazi-Barbarei in der Region wird auf textlastigen Schautafeln erklärt. Über die Täter erfährt man so gut wie nichts.

„Das alles entspricht weder moderner Museumsgestaltung noch dem neuesten Forschungsstand“, sagt Gedenkstätten-Leiter Stefan Mühlhofer. Der Historiker und Stadtarchivar hat einen Plan auf den Weg gebracht, der die Steinwache zu einer bundesweit führenden Gedenkstätte für die Aufarbeitung der NS-Verbrechen machen soll. 2,7 Millionen Euro wird die neue Ausstellung kosten. Um deren zeitgemäße Präsentation haben sich renommierte Gestaltungsbüros beworben. Fördergelder kommen von Land und Bund. Allein Berlin gibt eine knappe Million Euro. 865 000 Euro fließen aus dem städtischen Etat. Weitere 1,6 Millionen Euro ist der hoch verschuldeten Stadt zudem ein Neubau wert, der die denkmalgeschützte Gedenkstätte um einen modernen Eingangspavillon nebst Seminarräumen ergänzen soll. Das hat seinen Grund. „Die Steinwache ist in Dortmund unverzichtbar“, sagt Dortmunds Oberbürgermeister Ullrich Sierau (SPD). Sie erinnere als authentischer Ort von Repression und Folter an die NS-Gewaltherrschaft. Im aktuellen und zukünftigen Kampf gegen Rechtsextremismus sei sie „ein bedeutender Faktor“. Der OB weiß, wovon er spricht. Denn Vergangenheit und Gegenwart liegen manchmal erschreckend nah beieinander: Nur Gehminuten von der Steinwache entfernt wurde vor zehn Jahren der Dortmunder Kioskbesitzer Mehmet Kubaşık ermordete. Von der rechtsradikale Terrorzelle NSU.