Musterschüler unter Druck

Ljubljana. Seit Anfang des Jahres hat Slowenien den EU-Vorsitz übernommen und zeigt sich gerne als aufstrebendes Land. Innenpolitisch läuft allerdings nicht alles rund.

Slowenen vergleichen sich gerne mit Deutschen. „Wir sind ordentlich, fleißig, pünktlich“, zählt Marijan Kriskovic auf – „alles Eigenschaften, die man auch dem Volk nördlich der Alpen zuschreibt.“ Seit zwei Stunden führt der 28-Jährige eine Gruppe Touristen durch Ljubljanas Altstadt; er zeigt Barock- und Jugendstilhäuser, er schlendert über den Marktplatz zur Drachenbrücke und zurück zur Franziskanerkirche, er erzählt von der Regentschaft der Habsburger und dem Start in der Europäischen Union. Aber vor allem erzählt er über die Eigenarten der Slowenen und über die Dynamik, die ihre Hauptstadt erfasst hat. Und dann schwingt Stolz in seiner Stimme mit. Marijan Kriskovic gehört zu einer jungen, aufstrebenden Generation Slowenen, die hohe Erwartungen an den EU-Beitritt knüpft – mehr Möglichkeiten, mehr Freiheit, mehr Wohlstand. 50.000 Studenten sind an der Universität von Ljubljana eingeschrieben – für eine Stadt mit nur 260.000 Einwohnern ein beträchtlicher Anteil. Auch Marijan Kriskovic studiert; die Stadtführungen sind für ihn ein Zubrot und eine gute Gelegenheit, seine Sprachkenntnisse aufzupolieren. Deutsch, Englisch, Französisch und Italienisch kann er fast fließend – Vielsprachigkeit ist noch so etwas, worauf die Slowenen stolz sind. In diesen Tagen ist das Sprachtalent gefragter denn je.

Seit Wochen sind die Hotels in der Innenstadt ausgebucht. Anfang des Jahres hat Slowenien den EU-Vorsitz übernommen; seitdem blickt ganz Europa auf die kleine Alpenrepublik, die der Westen gerne als „Musterschüler des Ostens“ bezeichnet. Bis zum Sommer treffen sich regelmäßig die EU-Minister unter anderem im neu gebauten Konferenzzentrum in Brdo, nur rund 30 Kilometer von der Hauptstadt entfernt. Sie tagen in einem riesigen Park, im Schatten der Berge, und sie bringen einen Tross an Mitarbeitern mit, die in ihren wenigen freien Stunden neugierig Stadt und Land erkunden. Entsprechend bemüht ist Slowenien, sich im besten Licht zu zeigen. Tatsächlich steht das Land gewaltig unter Druck. Im Schatten der beiden „großen Präsidentschaften“ – Deutschlands im ersten Halbjahr 2007 und Frankreichs in der zweiten Hälfte dieses Jahres – muss es beweisen, dass auch ein kleiner Staat und Neuling der EU-Politik deutliche Impulse geben kann. Schon versucht Frankreich, eigene Akzente zu setzen und schon trüben immer neue Schlagzeilen über innenpolitische Probleme das Bild vom Musterschüler.

Sechs Prozent Wachstum

Auf der einen Seite ist wohl keines der ehemals kommunistischen und der neuen EU-Mitgliedsländer so dynamisch wie der Staat, der mit seinen Zwei-Millionen Menschen gerade mal auf die Einwohnerzahl von Hamburg kommt. Sechs Prozent Wachstum meldete die EU-Kommission für 2007. In den vergangenen Jahren haben sich viele Unternehmen angesiedelt; in Ljubljanas Innenstadt eröffneten neue Cafés, auch Designer-Läden und edle Boutiquen. An den Mief der sozialistischen Jahre erinnern allenfalls noch die Plattenbauten am Rande der Stadt.

Doch es gibt auch Frust. Mit der Einführung des Euro Anfang letzten Jahres stiegen die Preise, allein Lebensmittel haben sich seitdem um 20 Prozent verteuert. Seit Monaten hat Slowenien die höchste Inflationsrate im Euroraum; Ende 2007 lag sie bei 5,7 Prozent – doppelt so hoch wie im Jahr zuvor.

„Ich komme mit meinem Geld kaum noch über die Runden“, wettert Ana Novak, die im Kaufhaus in der Schlange steht. Die 25-Jährige studiert Geschichte, jobbt nebenbei fast jeden Abend in einer Kneipe und muss monatlich mit rund 500 Euro auskommen. Im November ging sie mit rund 70.000 Menschen auf die Straße, um gegen die steigenden Kosten zu protestieren – für slowenische Verhältnisse war das fast schon ein Volksaufstand.

Auch die Journalisten klagen. Jüngst brachten sie eine Petition auf den Weg, in der sie sich über immer mehr Staatseinfluss auf die Medien beschwerten. Sie berichten von regierungskritischen Passagen, die aus Texten gestrichen wurden, von leitenden Redakteuren, die Sympathisanten der Regierung weichen mussten.

Viele Slowenen hoffen deswegen, dass Europa nicht nur durch eine rosarote Brille auf das schöne Land am Alpenrand schaut, sondern auch Druck auf die Regierung ausübt, damit sie die Probleme in den Griff bekommt. „Man muss hinter die Fassade sehen“, sagt Ana Novak. „Da ist längst nicht alles Gold,

 
 

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