Mordete eine zweite Nazi-Terrortruppe?

Stuttgart.  . Brisante Erkenntnisse aus dem Stuttgarter NSU-Untersuchungsausschuss nähren die Hoffnung, dass der Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter in Heilbronn doch noch vollständig aufgeklärt wird. Die Tat passte nie ins Muster der fremdenfeindlichen Anschläge, die der rechtsextreme Nationalsozialistische Untergrund (NSU) verübte. Jetzt keimt der Verdacht auf, dass für den Mord an der Polizistin eine bislang unbekannte rechte Terrortruppe verantwortlich sein könnte. Die Linkspartei drängt auf eine rasche Aufklärung.

Zeuge verbrennt im Auto

Die 22-jährige Polizistin soll laut bisheriger Lesart der Bundesanwaltschaft ein Zufallsopfer gewesen sein. „Ich habe nie an einen Zufallsmord geglaubt“, sagte der baden-württembergische CDU-Landeschef Thomas Strobl der Deutschen Presse-Agentur. Jetzt neu ausgewertete Zeugenaussagen legen nahe, dass eine ähnlich wie der NSU im Geheimen agierende rechtsmilitante Truppe am Mord an der Polizistin beteiligt gewesen sein könnte – die „Neoschutzstaffel“ (NSS).

Die Aussagen wurden früher von der Polizei als nicht glaubwürdig eingestuft, doch im Zuge des Untersuchungsausschusses neu bewertet. Die Polizei hatte schon Anfang 2012 Hinweise auf die Gruppe erhalten, einem Aussteiger aus der rechten Szene aber nicht geglaubt. Nun wird deutlich, dass die Polizei sich wohl geirrt hat. Denn die Aussage von Florian H. war nach Ansicht des Ausschussvorsitzenden Wolfgang Drexler (SPD) keine Prahlerei.

Eine neue Chance, Florian H. zu befragen, bekommen die Ermittler nicht: Der 21-Jährige verbrannte Mitte 2013 in seinem Wagen in Stuttgart. Just am Tag seines Todes hätte er erneut von der Polizei befragt werden sollen. Die Ermittler legten den Fall mit der These Suizid aus Liebeskummer zu den Akten.

Florian H. soll zu früheren Mitschülerinnen im August 2011 gesagt haben, er könne Kiesewetters Mörder benennen. Er sprach zudem von einem Treffen zwischen NSU und einer „Neoschutzstaffel“ im Februar 2010 in Öhringen bei Heilbronn. Zudem erzählte der 21-Jährige von einem „Matze“. Er soll mit dem Mord an Kiesewetter zu tun gehabt haben und NSS-Mitglied sein.

Nach Informationen der „Stuttgarter Nachrichten“ kommt „Matze“, also Matthias K., aus Neuenstein im Hohenlohekreis und ist Soldat der Bundeswehr. Matthias K. habe „NSS“ auf seinem Körper tätowiert. Sein Vater, ein Sozialarbeiter, habe sein Büro im Untergeschoss im „Haus der Jugend“ in Öhringen. Dort sollen laut Aussage von Florian H. Treffen der „Neoschutzstaffel“ stattgefunden haben. Das NSU-Trio hatte enge Drähte nach Baden-Württemberg.

Für die Bundesanwaltschaft sind die früheren NSU-Mitglieder Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt Kiesewetters Mörder. Die genauen Umstände und das Motiv der Tat im April 2007 sind aber ungeklärt. Am 4. November 2011 hatte die Polizei in einem ausgebrannten Wohnmobil im thüringischen Eisenach Mundlos und Böhnhardt tot gefunden. Ihre Komplizin Beate Zschäpe stellte sich wenig später der Polizei. Es folgte die Aufdeckung einer beispiellosen Serie von Verbrechen und zehn Morden – sowie die Erkenntnis, dass die Sicherheitsbehörden in dem Fall kolossal versagten. Die Polizei fand im Brandschutt in Zwickau die Tatwaffen im Mordfall Kiesewetter.

„Weitreichende Konsequenzen“

Martina Renner, die für die Linkspartei im Innenausschuss des Bundestages sitzt und langjähriges Mitglied im Thüringer NSU-Untersuchungsausschuss ist, drängt auf Aufklärung: „Es muss nun gefragt werden, was eigentlich die Gründe für den lange gepflegten breiten Konsens im Stuttgarter Landtag waren, einen NSU-Untersuchungsausschuss zu verhindern“, sagte sie der NRZ. Offenbar müsse sowohl bei den Ermittlungen zum Mord an Michèle Kiesewetter als auch bei den Verstrickungen der Polizei vor Ort mit der Neonaziszene jeder Stein umgedreht werden. „Ob es eine Gruppierung „Neoschutzstaffel“ gab und wie diese zum Naziterrornetzwerk NSU in Beziehung stand, ist eine vordringliche Frage mit weitgehenden Konsequenzen auch für Berlin“, so Renner weiter.

 
 

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