Moralische Niederlage – von Angelika Wölk

Angeklika Wölk

Viel ist in den vergangenen Wochen und Monaten bei der katholischen Kirche ins Wanken geraten. Der Skandal um den Missbrauch von Kindern und Jugendlichen durch Geistliche hat ihr Selbstverständnis tiefgreifend erschüttert. Jahrhundertealte Selbstgewissheit wurde Schicht für Schicht entblättert und offenbarte hinter der Oberfläche manch falschen Glanz. Und jetzt wackelt scheinbar auch noch eine der letzten sicher geglaubten Bastionen: das kirchliche Arbeitsrecht.

Doch gemach. Die Straßburger Richter haben in ihrem Urteil über den Essener Organisten die Sonderstellung des Arbeitsrechts nicht grundsätzlich infrage gestellt. Es ist also aus juristischer Sicht noch nicht absehbar, ob die Kirche tatsächlich alle ihre Arbeitsverträge umschreiben muss.

Wohlgemerkt: aus juristischer Sicht. Aus menschlicher Sicht ist sehr wohl ab-sehbar, dass das Urteil des Menschenrechtsgerichtshofes eine schmerzhafte Niederlage für die Kirche ist. Sie sollte es als Chance verstehen und daraus lernen. Statt auf die juristische Sicht zu pochen, sollte sie sich auf ihre ureigenen Tugenden besinnen: Barmherzigkeit und Nächstenliebe. Und ihr Arbeitsrecht endlich der Lebenswirklichkeit der katholischen Ärzte, Kindergärtnerinnen und Organisten anpassen. Dann ist das gestrige Urteil eine Chance für mehr Menschlichkeit in der Kirche.