Mobbing gegen deutsche Schüler auch im Revier

Szene aus dem WDR-Film „Kampf im Klassenzimmer“ über eine Essener Schule.
Szene aus dem WDR-Film „Kampf im Klassenzimmer“ über eine Essener Schule.

Essen.. Auch im Ruhrgebiet gibt es Fälle von „Deutschenfeindlichkeit“ junger Muslime gegen deutsche Schüler. Doch die Schulen scheuen sich, mit dem Problem an die Öffentlichkeit zu gehen.

„Kartoffel”, „Schweinefresser”, „Deutsche Schlampe” – Beschimpfungen, die sich deutsche Schülerinnen und Schüler besonders in Problembezirken von muslimischen Mitschülern anhören müssen. Doch viele Schulen scheuen eine offene Diskussion.

Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) hat das Thema „Deutschenfeindlichkeit”, das auch im Ruhrgebiet eine Rolle spielt, auf die Agenda gesetzt. Fragt man an den Schulen in Problemvierteln im Revier nach, also dort, wo der Anteil an Migrantenkindern bei 70 bis 80 Prozent liegt, streiten die Lehrer zwar nicht ab, dass es dieses Problem gibt – sie wollen aber keine Öffentlichkeit. „Man kann ganz schnell in Verruf kommen“, sagt ein Schulleiter aus Duisburg, der anonym bleiben will. „Dann ist man die Türken-Schule und dann ist es vorbei.“ Weil dann nicht nur die deutschen, sondern auch die gebildeten Migrantenfamilien wegblieben.

Zwischen zwei Kulturen

Eine, die den Schritt an die Öffentlichkeit gewagt hat, ist Roswitha Tschüter. Sie war bis vor einigen Monaten Leiterin einer Hauptschule in Essen-Karnap, die über Nacht zu traurigem medialen Ruhm gelangte. Ein WDR-Film zeigte unter dem Titel „Kampf im Klassenzimmer” in drastischen Bildern und Tönen die Situation der Schule, an der deutsche Schüler die Minderheit bildeten. Zu sehen war: Kinder mit Migrationshintergrund schotten sich gegen deutsche Kinder ab. Es wird beschimpft, bedroht, gemobbt. Die Lehrer sind verzweifelt. Der alltägliche Horror?

Roswitha Tschüter wäre gern mehr zu Wort gekommen in dem Film über ihre Schule. Sie verschweigt die Probleme nicht, sagt aber heute: „Ich hätte Verständnis gezeigt für die Jugendlichen. Ich hätte ge­zeigt, dass sie keine Chance haben. Dass sie verunsichert sind, weil sie zwischen zwei Kulturen zerrissen sind.“ Roswitha Tschüter sagt, das Problem sei die Mischung, die da im Klassenraum entstehe. Die einzige Gemeinsamkeit: „Sie sind frustriert, weil sie bei uns gelandet sind.“

Häufig Tabuthema

Neue Brisanz erfuhr die Diskussion durch Vorfälle in Berlin. Dort klagten Lehrer über wachsende Probleme durch dieses Phänomen – und darüber, dass es häufig zum Tabuthema erklärt würde. Im Mitgliedermagazin der Lehrergewerkschaft GEW hieß es in einem Artikel zweier Pädagogen: „Viele Schülerinnen und Schüler empfinden sich als eine abgelehnte, provozierte, diskriminierte Minderheit, meist ohne nichtdeutsche Freunde.”

Ähnlich wie Roswitha Tschüter machte auch Betül Durmaz das Problem öffentlich. Die Lehrerin einer Förderschule in Gelsenkirchen ging ganz bewusst an die Öffentlichkeit. Betül Durmaz berichtete nicht nur in ihrem Buch „Döner, Machos und Migranten“, sondern auch in einer Fernseh-Doku freimütig über ihren schwierigen Alltag an einer Schule, an der drei von vier Kindern einen Migrationshintergrund haben.

Klare Hierarchie

„Die Hierarchisierung nach dem Motto ,Ich bin Moslem, du bist Christ, du bist Schweinefleischfresser, ich bin etwas Besseres’, die gibt es an meiner Schulform”, räumt sie ganz klar ein. Das Ganze, so glaubt Durmaz, sei jedoch weniger ein Migranten- als vielmehr ein Unterschichtenproblem: „Der Sohn eines libanesischen Arztes äußert sich nicht so.“

Zwei Dinge würden hier vermengt, sagt Durmaz, die als Tochter türkischer Gastarbeiter in Deutschland aufwuchs: „Migration und soziale Probleme der Unterschicht.“ Dass Migranten in bestimmten Schulformen besonders oft anzutreffen sind, sei das Versäumnis deutscher Schulpolitik. Gleichwohl verteidigt sie ihren schlagzeilenträchtigen Gang an die Öffentlichkeit: „Ich freue mich als Lehrerin, dass wir jetzt eine Öffentlichkeit haben. Und zwar dort, wo Politiker über Jahrzehnte weggeschaut haben.“

 

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