„Mir wird auch in diesem Land zu wenig widersprochen“

Essen..  Der Journalist Roland Jahn war kein Widerstandskämpfer von Geburt an. Er schwor als Thälmann-Pionier „Immer bereit“. Er brüllte 1968 als Blauhemd vor der Adolf-Reichwein Oberschule in Jena: „Ruft uns die Partei, wir sind dabei“. Er leistete 1972 den Fahneneid der Nationalen Volksarmee: „Ich diene der Deutschen Demokratischen Republik“. Jahn sagt: „Ich machte mir keine Gedanken über das Für und Wider. Am 1. Mai lief ich mit. Ich war Mitläufer“.

Heute ist der langjährige DDR-Bürgerrechtler und 1983 in die Bundesrepublik ausgebürgerte Dissident Chef der Stasi-Unterlagenbehörde in Berlin. Er hat aus seinem Lebensweg Lehren gezogen – für sich und auch für das Leben im vereinten Deutschland: „Mir wird auch in diesem Land zu wenig widersprochen“.

Gestern Abend, am 17. Juni und genau 61 Jahre nach dem DDR-Volksaufstand, hat Roland Jahn vor rund 2000 Zuhörern des „Politischen Forum Ruhr“ in der Essener Gruga vielen Menschen einen Spiegel vorgehalten. „Wenn ich in so manches Unternehmen und in so manche Behörde schaue, geht es bei vielen Leuten darum, bloß keinen Ärger zu haben.“

Viel zu viel wird viel zuoberflächlich behandelt

Jahn kennt das Verhalten gut aus der Heimat seiner Jugend – der DDR. „Probleme offener benennen, offener diskutieren, um sie zu lösen – das täte auch dieser Gesellschaft gut“. Und der Politik, meint er, „egal ob beim Thema Euro, Rente oder Mindestlohn“. In Berlin wird ihm viel zu viel viel zu oberflächlich behandelt.

Jahns Geschichten sind dennoch meist die der Diktatur. Er versucht, das Verhalten von Menschen unter totalitären Umständen zur erklären. Auch anhand der Reaktionen seines Vaters. Der hatte in Jena an der Kamera mitgebaut, die der DDR-Kosmonaut Sigmund Jähn ins All mitnehmen konnte. „Mein Vater machte mir öfter klar, dass er Schwierigkeiten im Betrieb bekommen würde, wenn ich in der Schule oder später an der Uni widerspräche.“ Jahn senior, nie SED-Mitglied, hat es dem Sohn lange verübelt, als der die DDR verlassen musste – weil er dadurch sein Ehrenamt im Sport verlor.

Roland Jahn erzählte von seinem persönlichen Abschied von der Anpassung. Das war, als sein Freund Matthias Domaschk im April 1981 bei einem Stasi-Verhör starb. „Er war gerade 23 Jahre alt. Mein Mittel gegen die Angst hieß jetzt: keine faulen Kompromisse mehr.“ Als er dann polnische Solidarnosc-Fähnchen am Fahrrad spazieren fuhr, kam er selbst zum ersten Mal ins Gefängnis. Monate später, nach der zweiten Festnahme, „sperrte man mich nicht ein, sondern aus“.

Roland Jahn fordert mehr Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit, von den Bundesbürgern der ostdeutschen Länder mehr Bekenntnis zur eigenen Biografie. Und auch, das hat er schon im Vorfeld der Essener Veranstaltung gesagt: dass der 17. Juni wieder Nationalfeiertag werde.

Und zwar ein echter.

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