Ministerin entschuldigt sich bei Contergan-Geschädigten

Vor 200 Betroffenen stellte NRW-Gesundheitsministerin Barbara Steffens den Forschungsbericht zur Rolle des Landes im Contergan-Skandal vor. Im Bild Frank Ingendahl, der seit 2002 die Internetseite Contergantreff betreibt.
Vor 200 Betroffenen stellte NRW-Gesundheitsministerin Barbara Steffens den Forschungsbericht zur Rolle des Landes im Contergan-Skandal vor. Im Bild Frank Ingendahl, der seit 2002 die Internetseite Contergantreff betreibt.
Foto: Kai Kitschenberg/Funke Foto Services
Die Gesundheitsministerin gesteht ein, das Land habe beim Contergan-Skandal nicht schnell genug gehandelt. Darauf hatten Betroffene lange gewartet.

Düsseldorf. Auf diesen Moment haben viele Opfer des größten Arzneimittelskandals in der Geschichte der Bundesrepublik ein Leben lang gewartet. Darauf, dass sich die Politik auf sie einlässt. Dass man sich auf Regierungsebene für die vielen offenen Fragen rund um Contergan interessiert. Darum war der Auftritt von NRW-Gesundheitsministerin Barbara Steffens (Grüne) in der Messe Düsseldorf für manche der Anwesenden „historisch“.

Steffens stellte vor rund 200 Betroffenen einen Forschungsbericht zur Rolle des Landes NRW im Contergan-Skandal vor. Und sie bat am Ende der Veranstaltung die Opfer und ihre Familien mit Tränen in den Augen um Entschuldigung. Das Land habe nicht schnell, effektiv und hartnäckig genug gehandelt. Das, so Steffens, sei „beschämend“.

Rund 2400 Contergan-Geschädigte leben in Deutschland, in NRW sind es etwa 800. „Jeder von uns ist ein Unikat“, sagt Udo Herterich, Leiter eines Verbandes, der die Interessen der Betroffenen in NRW vertritt. „Unikate“ sind sie, weil ihre Lebensgeschichten und ihre Körper so unterschiedlich sind. „Manche haben vier oder einen Finger, manche haben innere Schädigungen, mache arbeiten noch, andere sind schon mit 40 in Rente“, erzählt Herterich. Er selbst hat verkürzte Beine, ein Daumen fehlt, ein Augenmuskel ist gelähmt.

Nicht für die Schublade

Für Udo Herterich und seine Frau Claudia ist dieser Tag in der Messe Düsseldorf ein besonderer. „Dass das Land seine Rolle in dem Skandal von unabhängigen Forschern überprüfen lässt und diesen Bericht nicht in einer Schublade ablegt, sondern sich direkt den Betroffenen stellt, ist aus unserer Sicht eine Wertschätzung“, finden beide. Eine Wertschätzung nicht nur gegenüber den direkt Betroffenen, die bald im Seniorenalter sein werden, sondern auch gegenüber ihren Eltern. „Unsere Mütter und Väter wurden im Stich gelassen. Man hat ihnen einreden wollen, sie selbst seien schuld an den Schäden und nicht das Medikament Contergan“, erzählt Udo Herterich.

Fast 700 Seiten stark ist der Bericht zur Haltung des Landes im Contergan-Skandal, geschrieben von dem Historiker Niklas Lenhard-Schramm aus Münster. Das Ergebnis ist eine schallende Ohrfeige für die Behörden in den 1950-er und 1960-er Jahren. Die Studie beschreibt einen in diesem Skandal komplett überforderten Staat, eine „Gesundheitsverwaltung in Abwehrhaltung“ und eine „behäbige“ Justiz. Eine Aufklärung der Bevölkerung erfolgte nicht, heißt es. Der Contergan-Hersteller Grünenthal aus Stolberg bei Aachen durfte das gefährliche Medikament jahrelang weiterverkaufen, obwohl es Tausende Nebenwirkungs-Meldungen gab.

Für den Bielefelder Historiker Willibald Steinmetz ist die viel zu späte Aufdeckung des Skandals zum Teil mit der damaligen Obrigkeitshörigkeit zu erklären. „Heute würden Ärzte, die den Verdacht haben, eine Medizin sei gefährlich, viel schneller an die Öffentlichkeit gehen. Damals wandten sie sich lieber an die Firma Grünenthal als an die, wie es hieß, Laienpresse“, erklärt der Professor, der die Entstehung der Studie zusammen mit anderen Forschern begleitet hatte. „Es bedurfte schließlich außergewöhnlicher Individuen, die dann eben doch noch die Regeln brachen“, sagt Steinmetz.

Die Studie stieß nicht bei allen auf Zustimmung. Andreas Meyer, Chef des Bundes Contergan-Geschädigter und Grünenthalopfer, sprach vom „Weichspülen der tatsächlichen Verhältnisse“. Die Wissenschaftler hätten sich nicht genügend mit dem Bezug mancher Akteure im Contergan-Skandal zur NS-Zeit beschäftigt. Auch die Rolle des früheren NRW-Justizministers Josef Neuberger (SPD), der Mitarbeiter von Grünenthal als Anwalt verteidigt hatte, hätte intensiver beleuchtet werden sollen. Schließlich rieben sich manche Zuhörer an dem Begriff „Lifestyle-Medikament“, der in der Studie auftaucht. „Das suggeriert, dass unsere Mütter Contergan genommen hätten, weil das irgendwie hip war“, ärgert sich Andreas Meyer.

Der größte Wunsch der Betroffenen an die Landesregierung ist: mehr Druck auf Grünenthal. Die „Firma“, sagen sie, solle die Opfer über die bisherigen Leistungen hinaus unterstützen. Die Not sei groß, versichert Udo Herterich: „80 Prozent von uns sind Schmerzpatienten, jeder Dritte ist in der Frühverrentung. Die Assistenz, die einige von uns brauchen, kostet bis zu 12 000 Euro im Monat.“

 
 

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