Migranten in Ostdeutschland leben in Angst

Matthias Korfmann
Seyfettin Bozkurt ist Kurde und lebt in Halberstadt. Sicher fühlt er sich nicht. Rechtsextremisten haben schon einmal seinen Imbiss mit Baseball-Schlägern zerstört. (Foto: Matthias Graben / WAZ FotoPool)
Seyfettin Bozkurt ist Kurde und lebt in Halberstadt. Sicher fühlt er sich nicht. Rechtsextremisten haben schon einmal seinen Imbiss mit Baseball-Schlägern zerstört. (Foto: Matthias Graben / WAZ FotoPool)
Foto: WAZ FotoPool
Migranten in den neuen Bundesländern wollen vom Land in die Städte ziehen. Oder lieber gleich in den Westen.

Halle. Die Statistik rückt Sachsen-Anhalt ins Zwielicht: Laut Verfassungsschutz werden in keinem anderen Bundesland so viele schwere Gewalttaten von Rechten verübt. Hochgerechnet auf 100 000 Einwohner gibt es dort neun Mal mehr fremdenfeindliche Angriffe als in Hessen und doppelt so viele wie in NRW.

„Rassismus durchdringt die Mitte der Gesellschaft und ist kein ostdeutsches Phänomen. Zwischen 25 und 35 Prozent der Deutschen stimmen ­rassistischen Aussagen zu. Deutschsein wird oft mit Weißsein gleichgesetzt“, sagt Zissi Sauermann, die im Auftrag des Landes Sachsen-Anhalt die Opfer rechter Gewalt berät. Sauermann vermutet, dass die Dunkelziffer der ­Gewalttaten im Westen viel höher als im Osten ist. Grund: In Westdeutschland gibt es ­bisher keine flächendeckende spezielle Opferberatung, viele Fälle bleiben unerkannt.

Hohe Dunkelziffer

149 Gewalttaten mit rechtsextremem Hintergrund zählte das Statistische Bundesamt im Jahr 2010 in NRW. Daher wird es bald auch hier Hilfe für die Opfer geben. „Ohne Frage ist der Bedarf an Unterstützung vorhanden. Das ist regional ­sicher unterschiedlich. Wichtig ist aber, dass es eine in allen Teilen des Landes gut erreichbare Beratung gibt, bei der die Experten die Opfer gezielt aufsuchen“, sagt Andreas Kersting vom NRW-Familien­ministerium, zu dem die ­Landeszentrale für politische Bildung NRW gehört. Sie ist für das Projekt verantwortlich.

300.000 Euro für Beratungsstellen in NRW

Das Land NRW stellt in diesem Jahr 300.000 Euro für Beratungsstellen zur Verfügung. Wenn in NRW Menschen von Neonazis angegriffen wurden, musste man in dringenden ­Fällen bisher auf Experten aus Ostdeutschland zurückgreifen. Viele Übergriffe zählen die­ ­Behörden in Neonazi-„Hoch­burgen“ wie Dortmund-­Dorstfeld und Aachen.

Doch zurück in den Osten. Gibt es dort „No-Go-Areas“, also Gegenden, in die sich Migranten nicht hinein wagen? Opferberaterin Zissi Sauermann aus Halle sagt: „Gerade Betroffene rassistischer Gewalt im ländlichen Raum wünschen sich oft einen Umzug in größere Städte, weil sie sich dort sicherer fühlen. Sowohl den ländlichen Raum als auch bestimmte Stadtteile nehmen Betroffene oft als Angstzonen wahr. Viele Klienten sind in den letzten Jahren nach Westdeutschland gezogen, wenn sie die Möglichkeit hatten.“