Migranten als politische Pioniere

SPD-Ratsvertreter Volkan Baran spricht mit Borsigplatz-Anwohnern. Foto: Ingo Otto / WAZ FotoPool
SPD-Ratsvertreter Volkan Baran spricht mit Borsigplatz-Anwohnern. Foto: Ingo Otto / WAZ FotoPool
Foto: Ingo Otto / WAZ FotoPool
Der eine lebt und liebt die Sozialdemokratie, der andere denkt und fühlt eher konservativ. Volkan Baran (32) und Habib Sevgi (26) engagieren sich politisch. Doch türkischstämmige Politiker sind in Deutschland noch die Ausnahme.

Dortmund/Mülheim. Der eine hat schon eine bemerkenswerte politische Karriere hingelegt, der andere fängt gerade erst damit an. Der eine lebt und liebt die Sozialdemokratie, der andere denkt und fühlt eher konservativ. Dennoch gibt es eine Brücke zwischen Volkan Baran (32) und Habib Sevgi (26). Sie hat etwas mit ihrer Herkunft zu tun. Beide stammen aus türkischstämmigen Familien. Damit sind beide in ihren Parteien, SPD und CDU, noch Exoten.

Denn Migranten muss man in den deutschen Parteien mit der Lupe suchen. In hohe Positionen schaffen sie es erst recht nicht. Im Dortmunder Stadtrat haben sechs von 96 Mitgliedern eine noch relativ aktuelle „Zuwanderungsgeschichte“. Gemessen am Migrantenanteil in der Westfalenmetropole müssten es weit über 30 sein.

Volkan Baran sitzt im Rat der Stadt, und er ist ein „Klinkenputzer“. Für ihn findet Politik nicht im Hinterzimmer, sondern auf der Straße statt. Am liebsten dort, wo er zu Hause ist: am Borsigplatz.

Es gab Momente im politischen Leben von Volkan Baran, die richtig unangenehm waren. Schläge unter die Gürtellinie, wenn man so will. Zum Beispiel, als er 2008 für den stellvertretenden Vorsitz im SPD-Ortsverein Borsigplatz kandidierte. „Da standen zwei Genossen auf, legten ihre Parteibücher auf den Tisch und sagten: Wir treten aus! Erst später habe ich erfahren, dass diese Leute etwas gegen einen Türken im Vorstand hatten. Aber das hat mir nie jemand direkt ins Gesicht gesagt.“ Später, als Baran die Ratskandidatur anpeilte und fast alle Ortsvereins-Genossen persönlich besuchte, standen ihm die meisten Türen offen. „Aber es gab einige, die mir nicht die Hand gaben. Einer fragte sogar: ,Habt ihr keinen Deutschen?’ Bei der Wahl bekam ich dann übrigens 100 Prozent der Stimmen.“

Von der Gewerkschaft in die SPD

Baran reibt sich auf für die SPD. „Sie ist für mich alternativlos“ sagt er. Gleichheit, Gerechtigkeit und Solidarität sind „seine“ Werte, erlernt tief unter Tage in der Zeche Haus Aden/Monopol in Bergkamen. Drei Jahre malochte Baran im Berg, Mitte der 90er-Jahre. Er lernte, was Mechaniker wissen müssen, er hörte harte Sprüche und genoss die Solidarität der Bergleute. Fast jeder Kumpel war in der Gewerkschaft, und von dort aus ist der Weg zur SPD traditionell gut ausgeschildert.

150 Mitglieder hat Volkan Baran schon für die Sozialdemokratie gewonnen, viele von ihnen Migranten. „Diese Menschen sind offen für Politik, ihnen ist das Leben in ihrer Stadt nicht egal. Man muss sie nur ansprechen und mitnehmen.“

Dass die SPD Sarrazin nicht rausgeworfen hat, schmerzt Baran sehr. Dass es auch in der alten Arbeiterpartei ein paar Genossen gibt, die Fremde nicht mögen, weiß er. „Aber ich konnte hier dennoch Karriere machen.“ Als „Quoten-Migrant“ sieht er sich nicht. „Ich bin als Deutsch-Türke in der SPD ein Gewinner.“

"Ich sehe mich als Gewinn für die Gesellschaft"

Habib Sevgi hat eine ähnliche Botschaft: „Als Bürger mit Einwanderungsgeschichte sehe ich mich als Gewinn für die Gesellschaft.“ Sevgi ist 26, sehr wortgewandt, und er liebt seine Heimatstadt Mülheim. Christdemokrat ist der junge Mann erst seit vier Monaten, und es hätte für ihn politisch auch anders kommen können.

Anfang Juli besuchte Sevgi die Geschäftsstellen von CDU, SPD, FDP und Grünen. „Dort wollte ich ganz ähnliche Fragen stellen. Zum Beispiel, warum so wenige Bürger wählen gehen, oder warum in Mülheim so viele Einzelhändler ihre Geschäfte schließen.“

Fragen also, auf die Parteien sehnlichst warten müssten. „Aber nur die CDU hatte offene Ohren für mich. Sie haben die Fragen in Ruhe beantwortet. Die anderen hatten eben nicht viel Zeit für einen Studenten, der einfach mal so vorbeischaut. In der CDU habe ich mich gleich gefühlt wie in einer Familie.“ Fast philosophisch fügt er hinzu: „Dort habe ich gelernt, dass man Politik mit einem fließenden Gewässer vergleichen kann, in das man Steine legt, um damit die Fließrichtung zu verändern.“

An der Union schätzt Sevgi die traditionellen Werte: „Das Menschenbild in der CDU gefällt mir. Ich bin Moslem, und die CDU vertritt ein christliches Menschenbild. Aber da gibt es Gemeinsamkeiten. In der CDU zählt die Familie, zählen Ehrlichkeit und Fleiß.“

Volkan Baran und Habib Sevgi haben sich in einen politischen Fluss geworfen. Sie haben ähnliche Ziele: die Fließrichtung ein wenig zu ändern.

 
 

EURE FAVORITEN