Meyer-Lauber soll neuer DGB-Chef in NRW werden

Andreas Meyer-Lauber soll der neue NRW-Landeschef des Deutschen Gewerkschaftsbundes werden. (Foto: Franz Luthe)
Andreas Meyer-Lauber soll der neue NRW-Landeschef des Deutschen Gewerkschaftsbundes werden. (Foto: Franz Luthe)
Foto: WR/Franz Luthe

Düsseldorf. Kein Metaller, kein Verdi-Mann – aber wohl bald der neue NRW-Chef des Deutschen Gewerkschaftsbundes. Am Samstag wird der Nachfolger von Guntram Schneider gewählt. Es wird aller Voraussicht nach Andreas Meyer-Lauber. Ein Lehrer.

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) wählt am Samstag einen neuen Landeschef. Der alte, Guntram Schneider, hat sich als Sozialminister ins Kabinett von Hannelore Kraft verabschiedet. Sein designierter Nachfolger, Andreas Meyer-Lauber, passt nicht in die Riege der bisherigen DGB-Vorsitzenden: Er ist kein Metaller und kein Verdi-Mann, sondern Gesamtschullehrer. Und seine Gewerkschaft, die GEW, ist keine von den großen, mächtigen. Dennoch haben die acht DGB-Einzelgewerkschaften einstimmig erklärt: Meyer-Lauber ist unser Mann.

„Ja, das ist ungewöhnlich”, gibt der Hagener zu. Und liefert die Erklärung gleich mit: Dass er, der Pädagoge, DGB-Chef werden kann, zeige, dass das Thema Bildung in allen Gewerkschaften ankomme. „Wir alle wissen, dass nicht nur die Zukunftschancen der Kinder von Bildung abhängen, sondern auch die der Betriebe und des Landes. Wir dürfen keine jungen Talente verlieren.”

Ruhige, westfälische Art

Meyer-Lauber hat eine ruhige, westfälische Art. Seine Stimme ist tief, und er reiht seine Sätze mit Bedacht aneinander. So ein Typ, man glaubt es gern, kann jede wilde Klasse disziplinieren. „Ein guter Lehrer muss auch führen können. Das wissen Schüler zu schätzen”, sagt er. Aber schätzen das auch streitbare Gewerkschafter? Was verbindet Stahlarbeiter, Polizisten, Köche, Bürokaufleute und andere, die der DGB unter einem Dach versammelt?

Dem 58-Jährigen fällt das Wort Chancengleichheit ein. Das sei die Brücke zwischen den Beschäftigten. Eine, die oft viel zu früh beschädigt werde: „Ich habe zu oft erlebt, dass Kinder für ihre Eltern haften, weil die ihnen keine guten Startbedingungen mitgeben. Gerade solche Kinder brauchen unsere besondere Förderung, von der Kita bis zur Hochschule”, findet Meyer-Lauber und ist dabei wieder ganz Pädagoge. Der Sohn eines Uhrmachers aus Ahlen hat sich im DGB regelrecht hochgedient. Schon in den 80er Jahren war er im DGB-Kreisvorstand in Hagen aktiv. Und er hat offenbar einen guten Draht zur IG Metall. Denn sie hatte den Lehrer für den DGB-Landesvorsitz vorgeschlagen.

Neue potenzielle Bündnispartner im Blick

Auf dem gesellschaftlichen Abstellgleis mag er die Gewerkschaften, Mitgliederverlusten zum Trotz, nicht sehen. Im Gegenteil: Sie hätten heute ganz neue potenzielle Bündnispartner: „Wir sehen eine neue Protestkultur, wir sehen Bürger, die unabhängig von Parteien und Organisationen gegen die Sparpolitik protestieren, die für Theater und Schwimmbäder kämpfen. Wir sehen die Aktionen rund um Stuttgart 21. Da mischen sich auf einmal andere Menschen in die Politik ein: Eltern, Kulturinteressierte, Senioren. Sie sehen: Politik ist oft nicht mehr dazu in der Lage, Probleme zu lösen. Oder sie scheitert am Größenwahn. Wir hatten mal einen Ministerpräsidenten in NRW, der wollte den Transrapid bauen. Was ist daraus geworfen? Wir haben noch nicht mal gute S-Bahn-Verbindungen. ”

„Tigergewerkschaft” nennt Meyer-Lauber seine GEW. Weil sie in den letzten Jahren der Landes-Schulpolitik die Zähne gezeigt habe und weil ihr nicht die Mitglieder weglaufen („Wir sind in drei Jahren um fünf Prozent gewachsen”). Dass andere, neue Sparten-Gewerkschaften in letzter Zeit ihre Zähne zeigen, sieht er mit Sorge. Er mag es nicht, wenn Lokführer, Mediziner und weitere mächtige Berufsgruppen die Solidarität sprengen. Das System der Einheitsgewerkschaften habe sich historisch bewährt. „Der Unterschied zwischen den DGB-Gewerkschaften und den Sparten ist die Solidarität. Es ist moralisch, ethisch und wirtschaftlich ein Problem, wenn Ärzte nur auf ihr Einkommen gucken und sich nicht für das der Krankenschwester, die neben ihnen am OP-Tisch steht, interessieren.”

Selbstausbeutung der wissenschaftlichen Mitarbeiter der Hochschulen

Mit Sorge blickt der GEW-Chef auf den Hang zur Selbstausbeutung unter den wissenschaftlichen Mitarbeitern der Hochschulen. Man müsse was dagegen tun, wenn im wissenschaftlichen Mittelbau 87 Prozent der Beschäftigten befristete Verträge haben. Dass sich die Verhältnisse zuweilen schnell ändern können, sieht Meyer-Lauber in der IT-Branche: „Das haben die Angestellten auch erst gesagt: Wir brauchen keinen Betriebsrat und keine Tarifverträge. Aber als die Geschäfte dann nicht mehr so gut liefen, erkannten sie: Sich zu organisieren, lohnt sich doch.“

„Mehr Druck ist keine Lösung“ steht auf einem Plakat in Meyer-Laubers Büro. Gemeint ist der Druck, der auf den Schultern von Schülern und Studenten lastet. Doch das Motto lässt sich aber leicht auf die ganze Arbeitswelt übertragen. Mit dieser Einstellung, mit dem Plädoyer für mehr Chancen und weniger Lasten, will er am Samstag die 100 DGB-Delegierten in Düsseldorf beeindrucken. Auf seinen Bürotisch hat sich eine Tüte „Frust-Gummibärchen“ verirrt. Keiner kann sich vorstellen, dass er die am Samstag nach der Wahl öffnen muss.

 
 

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