Menschenführer gesucht – von Dirk Hautkapp

Dirk Hautkapp

Wer in Berichten von Wehrbeauftragten des Bundestages der vergangenen 20 Jahre nachliest, stellt eine Tendenz fest: Führungsversagen in diesem abgeschotteten Sozialverband hat kontinuierlich zugenommen. Führungsversagen jenseits von Einzelfällen, wie sie in keiner Großorganisation vermieden werden können.

Die Gründe sind vielschichtig und bekannt. Der wichtigste: Seit der deutschen Wiedervereinigung wurde in der Sicherheitspolitik und bei den Streitkräften von allen Regierungen mit Gaspedal und Bremse gleichzeitig gefahren. Im Dauerumbau nachhaltige Veränderungen zu erzielen, ist schwer bis unmöglich. Dabei ist die Kernfrage der Streitkräfte-Entwicklung seit Gründung die gleiche: Wer erzieht die Erzieher so, dass Innere Führung, dass Vorbild, Vertrauen und Verantwortung im „Staatsbürger in Uniform“ glaubwürdig Gestalt annehmen? Nicht zuletzt die jüngsten Skandale zeigen, dass die Bundeswehr für den hastig beschlossenen Übergang zur Berufsarmee nicht gerüstet ist. Menschenführung und soziale Kompetenz sind, bei aller Anerkennung für die Arbeit vieler tausend Soldaten, Mangelware. Und das quer durch alle Ränge.

Menschenwürde

Ausdruck dieses Defizits ist die Tatsache, dass Untergebene als strukturell Schwächere von vielen Vorschriften und Kontrollen geschützt werden. Individuell wird die Menschenwürde häufiger mit Füßen getreten. Ein Einwand dagegen lautet: Die Truppe ist das Spiegelbild der Gesellschaft, in der Toleranz- und Anstandsgrenzen schleichend abgesenkt werden. Mag sein. Gemessen an ihrem grundgesetzlichen Auftrag muss aber klar sein: Verhaltensweisen, die vor den Kasernentoren noch durchgehen, sind dahinter nicht tolerierbar.

Vorleben können das nur Ausbilder, die Menschen mögen. Haben Ausbilder hier ein Problem, kriegen die Auszubildenden ein noch größeres. Die Bundeswehr wird darum nicht umhin kommen, früher als bisher zu prüfen, wer zum Menschenführer taugt. Gu- te Ausbilder kriegt man, wie im zivilen Le-ben, aber nicht zum Nulltarif. Bessere Besoldung, bessere Aufstiegsmöglichkeiten, bessere Arbeitsbedingungen – all das kostet. Und konkurriert mit den nicht enden wollenden Begehrlichkeiten bei Gerät und Ausrüstung.

Fazit: Die Tischdecke in eine Richtung zu ziehen, wissend, dass sie dann an anderer Stelle nicht mehr ausreicht, das kann sich die Politik am Vorabend der Bundeswehr der Zukunft nicht länger leisten.