Mein Vater, der Terrorist

Duisburg.  Von seinem Vater, Johannes Kramer, trägt er dieses eine Foto bei sich. Eine Schwarz-Weiß-Aufnahme, die in den späten 60er Jahren aufgenommen worden sein muss. Sie zeigt einen stattlichen Offizier in Bundeswehr-Uniform neben zwei kleinen Kindern. Eines von ihnen ist Andreas, damals vielleicht sechs Jahre alt. Mehr als vierzig Jahre später sagt dieser über seinen Vater: „Er war ein eiskalter Killer!“

Und genau das erklärte der 49-jährige Historiker aus Duisburg kürzlich auch vor einem Luxemburger Gericht. Unter Eid. Sein Vater Johannes Kramer, Hauptmann der Bundeswehr, habe parallel für den Bundesnachrichtendienst und Gladio gearbeitet, einer paramilitärischen Geheimorganisation der Nato, er sei an mehreren Anschlägen in Europa beteiligt gewesen. In Luxemburg stehen zur Zeit zwei frühere Polizisten vor Gericht, die sich für insgesamt 18 Anschläge auf öffentliche Einrichtungen des Landes in den Jahren 1984 bis ‘86 verantworten müssen.

Beim Attentat auf das Münchener Oktoberfest 1980 starben 13 Menschen, über 200 wurden verletzt, manche überlebten schwerst behindert. Als Einzeltäter wurde der Student Gundolf Köhler ermittelt, der bei dem Anschlag selbst ums Leben kam. Köhler stand der rechtsradikalen Wehrsportgruppe Hoffmann nahe. Hinweise auf weitere Täter gab es einige, sie galten den Ermittlern jedoch nicht als belastbar. Immer wieder forderten Kritiker die Wiederaufnahme der Ermittlungen. Zu viel war ungeklärt geblieben.

„Mein Vater hat den Attentäter Gundolf Köhler angeworben und ist auch mehrmals bei ihm zu Hause in Donaueschingen gewesen, um die Bombe zu bauen. Das Material dafür stammte von der Nato im holländischen Den Helder“, erzählt Kramer. Es sei Ziel der Geheimorganisation Gladio gewesen, die Bevölkerung durch solche Anschläge zu verunsichern, den Ruf nach einem starken Staat zu befördern und damit rechte Regierungen. So auch im Herbst 1980, als CSU-Chef Franz-Josef Strauß bei der Bundestagswahl gegen Kanzler Helmut Schmidt (SPD) antrat.

Er, Andreas Kramer, sei eingeweiht gewesen, habe damals begriffen, dass „mein Vater ein Mörder ist“. Er wisse auch, dass dieser über die Bundeswehr große Mengen an Waffen und Sprengstoff besorgt habe, die in Geheimlagern versteckt wurden. Die Frage, warum er erst jetzt an die Öffentlichkeit gehe, warum er nie zur Polizei gegangen sei, beantwortet er mit Angst vor seinem Vater, der ihm gedroht habe, ihn umzubringen, zum anderen mit mangelndem Vertrauen zu deutschen Behörden. Er setze da mehr auf die jetzt ermittelnden Luxemburger Justiz. Zudem sei sein Vater nun gestorben.

Das sind dubiose Vorwürfe, Belege bringt Kramer nicht. Auch nicht vor dem Luxemburger Gericht. „Man weiß nicht, ob er das alles aus Büchern kennt oder von seinem Vater“, sagt Gaston Vogel, Verteidiger eines der Luxemburger Angeklagten. Im Prozess sei Kramer nicht als sehr glaubwürdig eingeschätzt worden, man wolle seine Aussage dennoch überprüfen. „Kramer hat aber eine Fährte gelegt, die wir kannten. Vielleicht wird man jetzt in Deutschland wach, was Gladio angeht. Und das wäre gut!“, erklärt Vogel.

Kramer sagt: Gladio ist bis heute aktiv

Einer, der von sich sagt, er sei schon seit Jahren, ja Jahrzehnten „hinter Gladio her“, ist der Grünen-Bundestagsabgeordnete Christian Ströbele. Abermals stellte er nun eine Kleine Anfrage im Bundestag: Welche Konsequenzen zieht die Bundesregierung aus der Aussage von Andreas Kramer, einem ehemaligen Historiker des Deutschen Bundestages, dass sein Vater Operationen einer Gladio-Truppe geleitet hat?

Der Chef des Bundeskanzleramts, Ronald Pofalla, antwortete prompt, es hätten sich keine Hinweise ergeben, die die Behauptungen bestätigen könnten: „Ungeachtet dessen hat die Bundesregierung eine weitere Prüfung veranlasst.“ Ströbele kritisiert, dass es zum Wies’n-Attentat schon früher Hinweise auf Gladio gegeben habe, denen nie nachgegangen wurde.

Andreas Kramer sagt: „Gladio ist bis heute aktiv, arbeitete häufig mit rechtsradikalen Kreisen zusammen.“ Beim Generalbundesanwalt indes verweist man nüchtern darauf, man gehe immer wieder neuen Hinweisen zum Oktoberfest-Attentat nach. Es habe jedoch bislang keinen Anlass zur Wiederaufnahme der Ermittlungen gegeben.

 
 

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