Mehr Rechte für Transsexuelle

Die Richter haben entschieden: Transsexuellen wird das Zusammenleben leichter gemacht. Foto: Franz Luthe
Die Richter haben entschieden: Transsexuellen wird das Zusammenleben leichter gemacht. Foto: Franz Luthe
Foto: WR/Franz Luthe
Um in homosexueller Partnerschaft leben zu können, mussten sich Transsexuelle bislang umoperieren lassen. Jetzt werden diese Regeln gelockert.

Essen/Berlin.. Sie fühlen sich fremd. Wie ungebetene Gäste im eigenen Körper. Transsexuelle erleben ihr Äußeres als falsche Verpackung des richtigen Inhalts. Von außen ein Mann, von innen eine Frau. Oder umgekehrt. Der Weg zum wahren Ich ist weit. Er führt für manche über geschlechtsanpassende Operationen und noch dazu durch einen Dschungel der Bürokratie. Doch der Weg wird einfacher. Ein neues Gesetz stärkt die Rechte Transsexueller, die in gleichgeschlechtlicher Partnerschaft leben möchten. Das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe hat so entschieden.

Zur Anerkennung ihres gefühlten Geschlechts müssen sich die Betroffenen nun nicht mehr zwangsläufig operieren lassen. Bislang war das anders. Wer Mann bzw. Frau nicht nur fühlen, sondern auch sein wollte, musste harte, blutige, nicht gerade ungefährliche Konsequenzen ziehen.

Das Jahr 2003: Yvonne Buschbaum ist eine super Sportlerin. Stabhochsprung, traditionell ein Männerding. Sie wird Deutsche Meisterin. Doch dieser Triumph ist nur auf dem Papier ihr größter. Im Herzen ist es heute längst ihr neues Leben. Ihre neue Identität. Aus Yvonne Buschbaum, dieser dürren Athletin mit dem Bubi-Haarschnitt, die von ihren Konkurrentinnen als Außenseiterin abgetan wird, wird Balian Buschbaum. Ein attraktiver junger Mann mit sanftem Lächeln. Er gibt sich souverän, wirkt wie ein Dauersieger. Als solcher fühlt er sich auch. Als Gewinner im Kampf mit der eigenen Persönlichkeit. „Ich war nie eine Frau“, sagt Balian Buschbaum. Heute, mit 30 Jahren, spricht er offen über seine transsexuellen Erfahrungen, gerne auch in Talk-Shows.

Ein neues Leben mit allen Konsequenzen. Ganz so weit geht Hans-Gerd Spörkel nicht. Zumindest noch nicht. Der 54-Jährige arbeitet als Pfarrer im niederrheinischen Rees. Er ist 50, als er im kleinen Kreis zum ersten Mal in Worte fasst, was er ein Leben lang mit sich allein ausgemacht hat. Er fühlt sich als Frau, will mit der Männerlüge nicht mehr leben. Zu einer Operation hat er sich (noch) nicht entschieden, wohl aber zu einem anderen mutigen Schritt. Anfang Januar tritt er nach dem Gottesdienst vor seine Gemeinde, gesteht ihr beim Kaffee seine „Achterbahn der Gefühle“. Missachten, Anfeindungen – mit allem hätte Spörkel leben können. Muss er aber nicht. Die Gemeinde steht hinter ihm. Sie will ihren Herrn Pfarrer auch als Frau Pfarrerin akzeptieren. Das neue Gesetz wird er zur Kenntnis nehmen: Den Zwang chirurgischer Eingriffe bei gleichgeschlechtlichen Partnerschaften erklärten die Richter am Freitag für unvereinbar mit der Menschenwürde und erinnern an das Recht auf körperliche Unversehrtheit.

Berlinerin hat geklagt

Geklagt hatte eine 62-jährige Berlinerin, die als Mann geboren wurde und sich als Frau wahrnimmt. Sie empfindet homosexuell und lebt mit einer Frau zusammen. Längst hat sie ihren männlichen Vornamen in einen weiblichen geändert, rein rechtlich gilt sie aber weiter als Mann. Denn: Sie hat sich nicht unters Messer gelegt, hat sich nicht von den Ärzten zu einer Frau ummodellieren lassen. Nach dem neuen Gesetz können Menschen wie die 62-Jährige nun auch offiziell eine homosexuelle Lebenspartnerschaft eingehen, wenn sie sich keiner Geschlechtsumwandlung unterziehen. Bislang hatte solchen Paaren nur die Ehe offen gestanden, wo sie sich dann zum aus ihrer Sicht unpassenden Geschlecht hätten bekennen müssen.

Reaktionen der Politiker

Die Politik reagiert gespalten auf die gestärkten Rechte Transsexueller. SPD-Politikerin Gabriele Fograscher begrüßt das Urteil. Das bisherige Gesetz sei nicht mit dem Recht auf sexuelle Selbstbestimmung und körperliche Unversehrtheit vereinbar. Union und FDP wollen das Transsexuellengesetz ändern. „Da wird man eine Lösung finden müssen“, sagt der CDU-Abgeordnete Heiner Kamp dieser Zeitung. Man müsse aber aufpassen, dass die Ehe als Institution zwischen Mann und Frau geschützt bleibe.

NRW-Gesundheitsministerin Barbara Steffens (Grüne) begrüßt die Entscheidung des Gerichts. „Das Karlsruher Urteil ist ein eindeutiger Sieg für das Recht auf Selbstbestimmung“, sagt Steffens unserer Zeitung. Die Grünen-Politikerin lobt, dass Transsexuelle künftig auch ohne Geschlechtsumwandlung eine Homo-Ehe eingehen dürfen: „Endlich ist nicht mehr der Grad der operativen Anpassung Maßstab dafür, ob jemand Frau oder Mann sein darf, sondern das konsequente Empfinden und Leben eines Geschlechts entscheidend.“ Dies sei ein weiterer Schritt zur Anerkennung einer selbstbestimmten Lebensweise von Transsexuellen.

Die Operation

Geschlechtsumwandlungen gelten als nicht ungefährlich. Balian Buschbaum sagt, bei ihm seien die Eingriffe aufwändiger und komplexer als eine Herztransplantation gewesen. Bei ihm, der ehemaligen Top-Sportlerin Yvonne Buschbaum, beginnt die ersehnte Reise zum neuen Ich mit psychologischen Gesprächen und einer Hormontherapie. Es folgen Operationen, die größte dauert neun Stunden. Aus Teilen des Unterarms wird ein Penis geformt. „Es war all diese Mühen wert“, sagt der Balian Buschbaum von heute. Nach der OP verschickt er an Freunde folgende SMS: „Mit Stolz kann ich verkünden, dass ich nun vollständig ausgestattet bin.“ In einer Talkshow erzählt er später, dass sein Körper voll funktionsfähig ist. Sein ganzer Körper!

Sechs Tage muss er nach dem schweren Eingriff still im Bett liegen. Er hat viel Blut verloren. Vieles, vor allem die entscheidende Stelle, ist unter einem riesigen Haufen Mull versteckt. In dem Penis aus Unterarm-Gewebe steckt eine Penispumpe, die ihn funktionsfähig macht. Sie ist entwickelt für Männer, die unter Erektionsstörungen leiden. „Funktioniert prima“, sagt Buschbaum. Er hat ein Buch über seine Erlebnisse geschrieben. Es heißt „Blaue Augen bleiben blau“.

 
 

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