Mehr Liebe statt Hiebe - deutsche Gesellschaft wird friedlicher

Dietmar Seher
Der Trend heißt: Gewaltanwendungen im persönlichen Umfeld gehen zurück. Kinder wachsen liebevoller auf als früher.
Der Trend heißt: Gewaltanwendungen im persönlichen Umfeld gehen zurück. Kinder wachsen liebevoller auf als früher.
Foto: dpa
Wer hätte das gedacht: Es gibt auch gute Nachrichten aus der Kriminalitätsstatistik. Vor allem im persönlichen Umfeld ist die Gewalt spürbar zurückgegangen. Kinder wachsen liebevoller auf, es wird weniger geprügelt, Frauen leben zuhause sicherer, so der Kriminologe Christian Pfeiffer. Alles Friede, Freude, Eierkuchen also? Nicht ganz.

Bielefeld. In der deutschen Gesellschaft vollzieht sich ein stiller Wandel. Er macht kaum Schlagzeilen. Aber er ist nachhaltig. Der Trend heißt: Gewaltanwendungen im persönlichen Umfeld gehen zurück. Kinder wachsen liebevoller auf als früher. In den Familien wird weit weniger geprügelt. Auf Schulhöfen sind Raufereien viel seltener als noch vor zwanzig oder gar dreißig Jahren und haben weniger schwere gesundheitliche Folgen. Auch gilt: In christlichen Familien geht es besonders friedlich zu.

Kritiker könnten sagen: Ein schöngefärbtes Wunschbild. Prof. Christan Pfeiffer, Chef des Kriminologischen Instituts Niedersachsen, früher Justizminister in Hannover und einer der bekanntesten Kriminalwissenschaftler Deutschlands, hat auf dem 18. Deutschen Präventionstag in Bielefeld Daten vorgelegt, die er mit den Ergebnissen von zehntausenden von Befragungen untermauert. Er nutzt dazu einen Kongress mit immerhin 3000 Teilnehmern, der sich besonders mit den Opfern von Kriminalität befasst.

Pfeiffers Zahlen widerlegen, dass es einen breiten Sitten- und Werteverfall gibt. Denn vor allem in der Erziehung, die als Grundlage für eine gesellschaftliche Entwicklung gilt, gebe es heute „mehr Liebe und weniger Hiebe“, verbreitete Pfeiffer einen Schuss Optimismus.

Kindheit und Gewalt.

„Setzt“ es noch zu Hause? „Der Anteil derjenigen, die völlig gewaltfrei aufgewachsen sind, hat sich im Verlauf von 19 Jahren von 26 Prozent auf 52 Prozent verdoppelt“, sagt Pfeiffer. Auch: Heute bekennen 71 Prozent der 16-bis 40-jährigen, sie seien als Kind häufig in den Arm genommen worden. 1992 waren das erst 53 Prozent. Die Anwendung „leichter Gewalt“ bei der Erziehung sank von 58,4 auf 36 Prozent, die schwerer Gewalt von 15,2 auf 11,9 Prozent. Für diese Daten sind 9500 Deutsche gefragt worden.

Der Schulhof-Frieden.

Schwere Raufunfälle an Schulen, bei denen das Opfer ins Krankenhaus gebracht werden muss, sind immer öfter die große Ausnahme. Pro 10 000 Schüler sind sie von 1997 bis heute von 16 auf sieben Prozent der Fälle um fast zwei Drittel zurückgegangen. Pfeiffer hat dafür Krankenkassendaten ausgewertet, die besonders zuverlässig sind: Sie kennen kaum Dunkelfelder. Die Schulhof-Erfahrung deckt sich im Übrigen mit der polizeilichen Kriminalstatistik. Danach ist Jugendgewalt seit 2007 um 22 Prozent gesunken.

Der Einfluss der Religion.

In gläubigen katholischen oder evangelischen Familien wird weniger geschlagen. „Je religiöser sie sind, desto seltener üben sie Gewalt aus“, sagt der Wissenschaftler. Die Folge: Nicht religiöse Jugendliche sind zu 16 Prozent Gewalttäter, sehr religiöse nur zu sechs Prozent. Auch die Zufriedenheit gläubiger junger Leute ist höher. Bei jungen Katholiken ist sie besonders hoch.

Selbstmordgedanken kommen hier kaum auf. Allerdings gibt es im religiösen Bereich eine besondere Ausnahme: Vor allem Kinder aus evangelisch-freikirchlichen Gemeinden sind häufig gezielt Opfer elterlicher Gewalt. Der Wissenschaftler geht damit hart ins Gericht. Er verteidigt nicht nur, dass die die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften bestimmte „Bibeln“ mit Verhaltensanweisungen („Ab und zu brauchen Kinder eine Tracht Prügel“) auf den Index setzt. Dass die amerikanische Gesellschaft gewalttätiger als die deutsche sei, habe ebenfalls mit dem Einfluss der Evangelikalen und ihrer repressiven Erziehungskultur zu tun.

Sexuelle Gewalt.

In Deutschland geht die sexuelle Gewalt gegen Kinder zurück. Das Risiko der unter 16-jährigen, Opfer eines Missbrauchs zu werden, habe „stark abgenommen“ – von 7,1 auf 4,4 Prozent. Der Kriminologe sieht hier einen Zusammenhang mit der sinkenden gesellschaftlichen Gewaltentwicklung insgesamt: Wer wegen stärkerer liebevoller Erziehung zu Hause selbstbewusst werden konnte, ist weniger in Gefahr, von Onkel, Nachbar, Priester oder Fremden missbraucht zu werden.

Auch das Vorgehen des Staates und ein erhöhtes Anzeigeverhalten wirkten. Während in den 80er-Jahren nur jeder 12. Täter mit einem Strafverfahren rechnen musste, gilt das heute für jeden Dritten.

Gewalt gegen Frauen.

Zurück geht auch die körperliche Gewalt gegen Frauen. Zwischen 1992 und 2011 ist der Anteil der Frauen, die in den fünf Jahren vor der Befragung Opfer einer Körperverletzung geworden sind, von 22,8 auf 16,6 Prozent gesunken. Die Gewalt zu Hause ist sogar auf zehn Prozent zurückgegangen. „Die engagierte Umsetzung des Gewaltschutzgesetzes durch die Polizei“ habe dazu beigetragen, sagt Pfeiffer. Dafür sind Frauen heute außerhalb des Hauses öfter der Gefahr ausgesetzt, der Gewalt zu begegnen – die Opferquote hat sich hier von 1,7 auf 4,1 Prozent erhöht. Pfeiffer führt das auf ein „geändertes Freizeitverhalten“ junger Frauen zurück. Sie gehen öfter raus.

Entwicklungen gegen den Trend

Pfeiffer bestreitet nicht andere Entwicklungen. Es gibt wachsende Felder von Kriminalität. Er nennt vier: Die Zahl der Wohnungseinbrüche, die rasant steigt und die große psychische Auswirkungen auf die Opfer hat. Der Menschenhandel hat erheblich zugenommen. „Viele Mädchen und möglicherweise auch Jungen werden im Internet beim Chatten in Kinderforen Opfer von aggressiver Anmache durch pädophile Männer“. Und er erinnert an die „Subkultur“ der Rockergruppen, die stark anwächst.