Essen

Medienmanager Martin Kall wird Funke-Mann

Der erfolgreiche Medienmanager zieht ein in den Gesellschafter-Ausschuss.

Essen. Falls überhaupt, dann gibt es jedenfalls nicht viele Spitzenmanager, die nach zehn erfolgreichen Jahren ihren einträglichen Vorstandschef-Job kündigen; aber Martin Kall hatte sich nun einmal vorgenommen, mit 50 Jahren nicht mehr zu arbeiten. Oder noch mal was Neues anzufangen. Weil ihn in der Medienbranche nicht nur in der Schweiz viele schätzen, urteilte die Zürcher Weltwoche, es werde nun schon noch ein lukratives Mandat für den Schweizer Gastarbeiter geben. Das war nicht falsch. Kall, inzwischen 52 Jahre alt, wird WAZ-Mann, genauer: Funke-Mann. Er zieht, berufen von Mehrheitseigentümerin Petra Grotkamp, in den Gesellschafterausschuss (sozusagen der Aufsichtsrat) der Funke-Gruppe ein.

Kall ist nicht irgendwer. Ein „ausgewiesener Medienfachmann“, urteilt Funke-Geschäftsführer Christian Nienhaus. Das muss man so sehen. Jedenfalls verbesserten alle Zeitungen, die der gebürtige Bergisch Gladbacher in der Schweiz über die Jahre kaufte, danach ihre Rendite. Unter Kalls Führung stieg Tamedia zum stärksten Medienhaus in der Schweiz auf; Umsatz: 1,2 Milliarden Franken, ein Viertel mehr, als Nummer zwei, Ringier, wo Harvard-Absolvent Kall vorher für fünf Jahre gearbeitet hatte.

Kall ist freundlich, ausgeglichen und – knallhart. Für seine letzte Firma gewann er die Schlacht gegen eine ausländische Gratis-Zeitung, nur um diese hinterher, ein Husarenstück, selbst zu kaufen und mit Gewinn zu betreiben. Er trennte sich von nicht wenigen Print-Redakteuren, um viele Onliner neu einzustellen. Die Tamedia-Portale erwirtschaften nicht so hohe Renditen wie die Zeitungen, aber immerhin gleich hohe Umsätze. Der quirlige Online-Ableger der Gratiszeitung 20 Minuten beschäftigt mehr als 100 Redakteure und ist nach dessen eigenem Bekunden der erfolgreichste der Schweiz. Für die digitale Zukunft setzt Kall auf eine Mischung schneller, eher boulevardesker Gratis-Online-Angebote mit bezahlten, journalistisch hochwertigen Inhalten hinter einer Bezahlschranke oder Apps.

Ohne Zögern trennte sich Kall bei Tamedia von Firmenteilen, die keinen Gewinn machten oder keinen mehr versprachen. Was keinen Gewinn machte, fand bei ihm „keine Gnade“, urteilte die Neue Zürcher Zeitung. Die Tamedia ist als Familienunternehmen an der Börse notiert. Die Erfahrungen, die Kall in dieser Konstruktion sammelte, dürften neben seinem Ruf und dem geschäftlichen Erfolg entscheidend für seine Berufung zur Funke-Gruppe gewesen sein.

Kall bevorzugt, irgendwie passend zur derzeitigen Medienkrise, den bescheidenen Auftritt. Seine geschäftlichen Reisen bestreitet er sparsamer als die privaten mit Frau und Sohn. Ein ausgesprochener Asket aber will Kall auch nicht sein. „Ich habe einfach mehr Freude daran, ein Buch zu lesen oder mit Freunden zusammen zu sein, Sport zu treiben, als einkaufen zu gehen.“

 
 

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