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„Marsch fürs Leben“: Abtreibungs-Gegner demonstrieren

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Teilnehmer beim "Marsch für das Leben" im September 2014. Foto: Imago
Selbsternannte „Lebensschützer“ wollen am Samstag in Berlin gegen Abtreibungen und Sterbehilfe auf die Straße gehen. Die Aktivisten polarisieren.

Berlin. 

Sie bezeichnen sich selbst als „Lebensschützer“ und streiten „für ein Europa ohne Abtreibung und Euthanasie“. Sie fordern ein generelles Verbot von Schwangerschaftsabbrüchen in Deutschland, ein Verbot der Präimplantationsdiagnostik (PID) und lehnen jede Art von Sterbehilfe ab. Für ihre Gegner sind sie „Fundamentalisten“ und „reaktionär“. Wenn sie an diesem Samstag wieder beim „Marsch fürs Leben“ mit mehreren Tausend Anhängern vors Kanzleramt in Berlin ziehen und weiße Kreuze als Mahnung durch die Hauptstadt tragen, ist Polarisierung garantiert – selbst die Kirchen ringen um ihre Haltung.

„Ja, kommen denn endlich auch mal die Bischöfe und gehen mit?“, fragte noch im Sommer Martin Lohmann, Vorsitzender des Bundesverbandes Lebensrecht (BVL), der den umstrittenen Marsch seit 2008 alljährlich im September in Berlin organisiert. Jetzt kann Lohmann „hoch erfreut“ einen Erfolg vermelden: Der katholische Berliner Weihbischof Matthias Heinrich hat angekündigt, sich der Demonstration anzuschließen und bei der Kundgebung zu reden. „Wir alle sind aufgerufen, ein Zeichen für das Leben zu setzen“, verkündete Heinrich auf der Facebook-Seite des Erzbistums.

Und auch Kardinal Reinhard Marx, Chef der Katholischen Bischofskonferenz, lobt in einem Grußwort, „dass mit dem Marsch für das Leben die Überzeugung vom gleichen Wert und der Würde eines jeden Menschen in einer friedlichen Demonstration öffentlich Ausdruck findet“. So eng war die Katholische Kirche bisher noch nie an die Lebensschützer und ihren Marsch gerückt.

Bischöfe blieben bislang eher auf Distanz

Trotz inhaltlicher Nähe in der Haltung zu Abtreibung und Sterbehilfe hatten Bischöfe wie der Hardliner Joachim Meisner aus Köln bisher zwar ihre Sympathie für die Anliegen der Marschierer erkennen lassen, viele waren aber lieber auf Distanz geblieben und ließen sich bei „Marsch für das Leben“ nicht blicken. „Zu große Verbrennungsgefahr?“, fragte Marsch-Organisator Lohmann süffisant die Oberhirten. Tatsächlich gibt es in den Kirchen auch die Sorge vor dem Vorwurf, sich mit rückwärtsgewandten Fundamentalisten gemein zu machen. Denn als solche gelten die Lebensschützer vor allem im linken politischen Lager.

Im vergangenen Jahr war es beim „Marsch für das Leben“ mit gut 5000 Teilnehmern zu massiven Gegenprotesten gekommen. Auch diesmal haben die Linkspartei, aber auch Schwulen- und Lesbenverbände zu Demonstrationen und Blockaden aufgerufen.

Volker Beck kritisiert „reaktionäre Gesellschaftspolitik“

„Beim Marsch für das Leben geht es vielen nicht um den Schutz des Lebens, sondern um eine reaktionäre Gesellschaftspolitik“, sagte etwa Grünen-Politiker Volker Beck gegenüber unserer Redaktion. Unter den Unterstützern des Marsches fänden sich „viele Gruppen, die Sexualaufklärung als ,Frühsexualisierung‘ verteufeln und mit ihrem Kampf gegen Geschlechtergleichstellung und die Ehe für alle gesellschaftlich die 50er-Jahre reaktivieren wollen“. Und Beck weiter: „Was hier als Marsch für das Leben getarnt wird, ist ein christlich fundamentalistischer Marsch der Intoleranz, der auch für Rechtsextreme und Holocaustrelativierer offen ist.“

So deutliche Worte findet die evangelische Kirche nicht – doch die Vorbehalte gegenüber dem Marsch sind hier deutlich größer als auf katholischer Seite. So weigerte sich die Landeskirche Berlin-Brandenburg kürzlich, über den internen Postweg ihre gut 800 Gemeinden über die Veranstaltung am Samstag zu informieren. Eine Sprecherin erklärte dazu, man distanziere sich von jeder Form „aggressiver und menschenverachtender Äußerungen in der öffentlichen Auseinandersetzung“ – etwa wenn Lebensschützer, Frauen die abgetrieben haben, pauschal als Mörderinnen bezeichneten.

Kurschus: „Plakative Parolen helfen nicht, das Leben zu bewahren“

Protestantische Oberhirten wie die westfälische Präses Annette Kurschus, betonen zwar im Sinne der Lebensschützer, menschliches Leben sei „zu jedem Zeitpunkt seiner Entwicklung unantastbar und unverfügbar und gegenüber menschlichem Machtmissbrauch zu schützen“. Aber Kurschus sagte gegenüber unserer Redaktion auch, die „Frage der Schuld“ richte sich keineswegs an die Frau allein, „sondern auch an ihr Umfeld und die Gesellschaft“. Und: „Plakative Parolen helfen nicht, das Leben zu bewahren.“

Gleichwohl schickt der Landesbischof von Württemberg, Frank Otfried July, auch in diesem Jahr ein lobendes Grußwort an die Marschierer: „Sie ergreifen Partei für die, die ihre Stimme selbst nicht erheben können: für die ungeborenen, für die kranken, beeinträchtigten oder alten Menschen.“

In der Politik werden der Marsch und die Reaktionen auf die Lebensschützer diesmal besonders aufmerksam verfolgt. Derzeit laufen in den Parteien die Beratungen über die umstrittene Neuregelung der Sterbehilfe. Über ein entsprechendes Gesetz soll im Herbst entschieden werden. Der CDU-Bundestagsabgeordnete Patrick Sensburg gehört zu einer kleinen Gruppe von Parlamentariern, die in ihrem Gesetzentwurf ein Totalverbot jeder Suizidhilfe fordern. „Der Marsch für das Leben wendet sich zu Recht gegen das Wegschauen beim Töten“, sagte Sensburg jetzt. In diesem Jahr habe er daher die Hilfe beim Selbstmord in den Mittelpunkt gestellt. „Es ist keine humanitäre Tat, Menschen dabei zu helfen, sich umzubringen. Humanitär ist es hingegen Menschen in jeder schweren Lebenslage zu begleiten“, so der Christdemokrat.