Mächtige Frauen fordern Frauen-Quote - Merkel lehnt ab

Berlin. Gleichberechtigung per Gesetz erzwingen? Ein Gruppe mächtiger Frauen aus Politik und Wirtschaft will es versuchen. Mit einer Frauen-Quote soll annähernd jeder zweite Aufsichtsratsposten an eine Frau vergeben werden. Doch ausgerechnet die mächtigste Frau in Deutschland stellt sich quer.

Stühlerücken in deutschen Aufsichtsräten: Mit Hilfe einer gesetzlichen Quote sollen Frauen fast jeden zweiten Aufsichtsratsposten in deutschen Unternehmen bekleiden. Das fordert ein Bündnis aus Politik, Gewerkschaftern und Wirtschaftsexpertinnen. Bloße Symbolpolitik oder folgenreiche Reform? Eines jedenfalls ist jetzt schon sicher: Unter Schwarz-Gelb hätte die Quote kaum Chancen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) will keine gesetzliche Quote. Sie setzt auf den guten Willen der Firmen. Bisher aber half das wenig, seit Jahren stagnieren die Zahlen. Nur jedes zehnte Aufsichtsratmitglied in deutschen Konzernen ist heute eine Frau – die wenigsten davon kommen aus dem Management, die meisten von der Arbeitnehmerseite.

Merkel muss Rücksicht auf die FDP nehmen

Merkels Parteikollegin Maria Böhmer, Vorsitzende der Frauen Union, weiß das – und schert aus: Nützen Appelle nichts, sei die Frauenquote „eine Option". Frauenministerin Ursula von der Leyen (CDU) findet die Quote ebenfalls „interessant". Sie unterstützte am Mittwoch in Berlin demonstrativ eine Konferenz des Vereins „Frauen in die Aufsichtsräte" (FidAR) mit dem norwegischen Botschafter. In Norwegen ist nach einer Gesetzesänderung 2006 heute in knapp 100 Prozent der großen Aktiengesellschaften die 40-Prozent-Quote verwirklicht.

Doch Merkel schüttelt den Kopf – schon aus Rücksicht auf den Regierungs-Wunschpartner FDP. Die SPD dagegen will nach der Bundestagswahl den Frauenanteil in den Aufsichtsräten mittels Quote bis 2014 auf 40 Prozent steigern. Die Grünen fordern das schon lange. Auch NRW-DGB-Chef Guntram Schneider macht sich für einen verbindlichen Frauenanteil von 40 Prozent in den Kontrollgremien börsennotierter Unternehmen stark.

Ein höherer Frauenanteil verbessert die Entscheidungen

Der FidAR dagegen fordert eine Quote von 25 Prozent in Unternehmen mit mehr als hundert Mitarbeitern. „40 Prozent Frauen in den Gremien sind für viele Aufsichtsratsvorsitzende einfach noch nicht vorstellbar", sagt FidAR-Präsidentin Monika Schulz-Strelow. Dass jedoch ein höherer Frauenanteil in Kontrollgremien Unternehmensentscheidungen verbessert, zeigen nicht nur internationale Studien. Darin sind sich auch die meisten Kritiker der Quote, einschließlich Kanzlerin, einig.

In den Aufsichtsräten der deutschen Top-200-Unternehmen (ohne Finanzsektor) liegt der Frauenanteil laut dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) bei gut neun Prozent. Das ist deutlich mehr als in Vorstandsetagen, liegt aber am Mitbestimmungsrecht: Rund 75 Prozent der weiblichen Aufsichtsräte sind von Gewerkschaften geschickt. Bei Banken und Versicherungen liegt der Frauenanteil in Aufsichtsräten mit 15,5 Prozent beziehungsweise 13,5 Prozent etwas höher.

Zum Vergleich: Unter den Vorständen der führenden 600 börsennotierten Unternehmen waren voriges Jahr nur 42 der 1721 Mitglieder Frauen, so das Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Der Frauenanteil lag damit bei gerade einmal 2,4 Prozent.

Quote würde Frauenförderung zur Pflicht machen

Expertinnen wie Elke Holst vom DIW setzen darauf, dass eine gesetzliche Aufsichtsrats-Quote mittelfristig zu mehr Frauen in Führungsebenen führt: „Man kann nicht eine Quote setzen und dann nichts tun." Heißt: Wer eine Quotenverpflichtung im Aufsichtsrat hat, braucht dauerhaft hervorragenden weiblichen Nachwuchs. Frauenförderung wird Pflichtprogramm.

Management-Expertin Katrin Hansen von der Fachhochschule Gelsenkirchen sagt dagegen: „Es gibt bessere Lösungen als eine feste Quote." Firmen müssten begreifen, dass sich Frauenförderung lohne. Quoten sagten nichts über die tatsächliche Firmenkultur.

Nicht nur in Chefetagen wird laut DIW über weibliche Karrieren entschieden. Wer sich nicht (mehr) um Kinder kümmern muss, schafft eher den beruflichen Aufstieg. 2007 waren über die Hälfte der Führungsfrauen ehe- und fast zwei Drittel kinderlos.

 
 

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