Lokalpolitiker in NRW – Soziale Elite regiert unsere Städte

Sind die Volksvertreter ein Abbild der Gesellschaft? Laut einer Studie heben sich die Gewählten in vielen Bereichen von ihren Wählern ab.
Sind die Volksvertreter ein Abbild der Gesellschaft? Laut einer Studie heben sich die Gewählten in vielen Bereichen von ihren Wählern ab.
Foto: Joachim Kleine-Büning/Funke Foto Services
  • Eine Studie sieht eine tiefe Kluft zwischen Kommunalpolitikern und ihren Wählern
  • Lokalpolitiker sind oft besser gebildet als Durchschnittsbürger - und deutlich wohlhabender
  • Das bedeutet jedoch nicht, dass sie an den Wählern vorbei entscheiden

Essen. Idealerweise ist ein Politiker ein Volksvertreter im wahren Sinne des Wortes: Er kommt aus der Mitte der Gesellschaft, kennt Alltag, Sorgen und Nöte der Wähler und vertritt ihre Interessen. Dass es aber eine tiefe soziale Kluft gibt zwischen Wählern und Gewählten, entstammt nicht nur einem Bauchgefühl unzufriedener Bürger, sondern ist durch manche Elite-Studie belegt.

Das bezieht sich indes nicht nur auf Berufspolitiker im „Regierungsraumschiff“ Berlin, sondern trifft offenbar auch auf ehrenamtliche Politiker in den Städten und Gemeinde zu, wie eine Untersuchung von Politikwissenschaftlern der Universität Duisburg-Essen ergab. Ein Fazit: „Sozial gesehen spiegeln die Gewählten nicht ihre Wähler wider“, sagt Studienleiter und Politikprofessor Achim Goerres.

Überdurchschnittlich gebildet und wohlhabender als Normalbürger

Etwa 20 000 Männer und Frauen sitzen in den nordrhein-westfälischen Gemeinde- und Stadträten. Was aber den typischen Kommunalpolitiker ausmacht, ist kaum bekannt. Um das herauszufinden, befragte das Team von Prof. Goerres 165 kommunale Abgeordnete zu ihren sozialen, wirtschaftlichen und politischen Hintergründen.

Die repräsentative Erhebung zeigt: Er oder sie ist überdurchschnittlich gut gebildet und deutlich wohlhabender als der Normalbürger. Goerres: „Diese Verzerrung kennen wir von Berufspolitikern, aber dass sie auf der Ebene der Ehrenamtlichen so ausgeprägt ist, hat uns erstaunt.“ Denn eigentlich gibt es kaum Hürden beim Zugang zur Lokalpolitik. „Jeder, der die Hand hebt, kann mitmachen“, sagt Goerres dieser Zeitung. Doch selbst auf dieser Ebene scheint es eine große soziale Kluft zu geben.

Von ihren Wählern trennt Kommunalpolitiker Entscheidendes: Nicht nur, dass sie mehrheitlich das Abitur haben und als Angestellte meist in gut bezahlten Jobs arbeiten. Sie haben auch deutlich mehr auf dem Konto: 43 Prozent der Abgeordneten verdienen monatlich 2900 Euro netto und mehr, ein Viertel sogar über 3500 Euro. In der Bevölkerung kämen dagegen nur etwa zehn Prozent auf diese Summe. Während die Hälfte der Erwachsenen in NRW monatlich von bis zu 1300 Euro netto im Monat lebt, sind es laut der Studie bei den Gemeinde- und Stadträten nur 18 Prozent. „Die lokalen Volksvertreter sind also deutlich einkommensstärker als ihre Wähler“, erklärt Goerres.

Verschiedene Lebenswelten

Was folgt daraus für die konkrete Politik? Sind die Kommunalpolitiker abgehoben? Nicht unbedingt, findet der Politikwissenschaftler. Die Befunde bedeuteten nicht, dass sich die Politiker nicht für die Belange anderer sozialer Bevölkerungsgruppen einsetzen würden. „Wenn man sagt, wir wollen die Besten als Volksvertreter haben, dann sind sie eben oft auch in Bildung und Beruf erfolgreich.“ Andererseits könne man schon fragen, ob sie die Lebenswirklichkeit und Interessen der Normalbevölkerung wirklich kennen. Wer sich ehrenamtlich in der Kommunalpolitik engagiert, kommt in der Regel aus höheren sozialen Schichten.

Interessant ist der Blick auf die politische Vergangenheit der Abgeordneten. „Einige Lokalpolitiker haben ihr politisches Engagement quasi mit der Muttermilch aufgesogen“, sagt Goerres. Auffallend sei nämlich der große Anteil der Politiker von CDU und SPD, deren Eltern bereits in einer der Parteien aktiv waren. Es scheint „eine Art familiär gelerntes politisches Verhalten zu geben, das sich wiederum in der Amtsträgerschaft der Befragten manifestiert“, so die Studie. Kurz: „Wenn Papa – meistens ist es der Vater – in der Partei ist, bekommt der Nachwuchs schon ein bestimmtes politisches Signal.“

Goerres zieht aus den Daten den Schluss, dass es sich bei kommunalen Abgeordneten bis auf wenige Ausnahmen um eine ausgewählte Gruppe handelt, eine soziale Elite, deren politische Wurzeln oft bereits im Elternhaus liegen und die ihren Nachwuchs aus der eigenen sozialen Schicht rekrutiert. „Wer sich wünscht, dass unsere lokalen Politiker ein Abbild der Gesellschaft sind, muss angesichts unserer Ergebnisse enttäuscht sein.“

 
 

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