Lehrer vermeiden schlechte Noten

Dortmund..  Das Ziel der Landesregierung, weniger Schüler sitzen bleiben zu lassen, stößt bei einem Teil der nordrhein-westfälischen Lehrerschaft auf deutliche Kritik. Als „völlig übertrieben“ und „pädagogisch unangemessen“ bezeichnet auch Peter Silbernagel vom Philologenverband NRW die neuen Vorgaben. Der Bürokratie-Aufwand für die individuellen Förderpläne sei riesig.

Seit kurzem müssen die Lehrer in Grundschulen und in der Sekundarstufe I für jeden Schüler, dem eine Fünf oder Sechs auf dem Zeugnis droht, einen individuellen Förderplan ausarbeiten, um seine Leistungen zu verbessern. Nach Information dieser Zeitung führt das dazu, dass mancher Lehrer sich eher für den weniger aufwändigen Weg entscheidet und einem Schüler lieber eine Vier Minus gebe, anstatt eine schlechtere Note begründen zu müssen. Somit würden die Hürden für schlechte Noten in NRW immer höher. „Wir schleppen jetzt Leute durch, die es früher nicht geschafft hätten“, sagt eine Lehrerin aus dem Kreis Kleve. Die Vergabe schlechter Noten werde geradezu verteufelt.

„Ich halte das für eine verquere pädagogische Haltung, lieber eine bessere Zensur zu vergeben als einen individuellen Förderplan für ein Kind zu entwickeln“, sagt dagegen Martin Tenhaven, Schulleiter des Essener Leibniz-Gymnasiums, das bereits vor über zehn Jahren begonnen hat, stärker zu fördern. Die Zahl der Sitzenbleiber liegt dort inzwischen unter einem Prozent. Bei der zentralen Abiturprüfung schneide das Gymnasium weiterhin gut ab, sagt Tenhaven weiter.

Zum Hintergrund: Bundesweit gibt es eine klare Tendenz, die Zahl der Sitzenbleiber an den Schulen deutlich zu reduzieren. Sitzenbleiben sei nutzlos und auch teuer, ergab bereits 2009 eine Studie des Essener Bildungsforschers Klaus Klemm im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung. Die Ergebnisse hatten sich nachhaltig auf die Schulpolitik vieler Bundesländer ausgewirkt. Der Bertelsmann-Studie zufolge kostet das Sitzenbleiben jedes Jahr bundesweit rund eine Milliarde Euro, ohne pädagogische Erfolge zu zeigen.

„Sitzenbleiben ist Lebenszeitverschwendung“, argumentiert auch die nordrhein-westfälische Schulministerin Sylvia Löhrmann. In den letzten zehn Jahren wurde der Anteil der Sitzenbleiber von 4,5 auf 2,1 Prozent (2011/12) reduziert.

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