Lehrer und Eltern fordern eigenes Fach Wirtschaft in NRW-Schulen

Theo Schumacher
Mehr ökonomisches Wissen für Schüler - aber nicht mit dem Fach Wirtschaft: Rot-Grün in NRW will es nicht zur Pflicht machen.
Mehr ökonomisches Wissen für Schüler - aber nicht mit dem Fach Wirtschaft: Rot-Grün in NRW will es nicht zur Pflicht machen.
Foto: Jan Woitas/dpa
Vier Jahre lang wurde an 70 Realschulen im Land das Fach "Wirtschaft" erprobt. Jetzt liegt die Begleitstudie vor, Lehrer und Eltern fordern sogar ein eigenständiges Fach, in ihrer Gunst rangierte es vor Kunst und Musik. Rot-Grün lehnt das ab, weil Stundenpläne nicht einfach erweitert werden können.

Düsseldorf. Die Schulen in NRW sollen künftig mehr ökonomisches Wissen vermitteln, aber auch mehr praktische Kompetenz im Umgang mit verbrauchernahen Themen. Das zeichnet sich zum Ende des vierjährigen Modellversuchs ab, mit dem Wirtschaftsunterricht an 70 Realschulen erprobt wurde.

Für die Einführung eines Pflichtfachs Wirtschaft an der Realschule ab dem Schuljahr 2014/15 gibt es im Landtag jedoch keine Mehrheit.

An den Modell-Schulen halten dagegen die allermeisten Rektoren, Lehrer und Eltern ein eigenständiges Unterrichtsfach für die beste Lösung. Das geht aus dem Abschlussbericht des Schulministeriums hervor, der dieser Zeitung vorliegt.

Eltern schätzen das Fach Wirtschaft in der Schule

Für 98 Prozent der ­Lehrkräfte gehören ökonomische Kenntnisse zur Allgemeinbildung. Knapp 80 Prozent der Schüler ­finden, dass Wirtschaftsunterricht ihnen den Übergang in den Beruf erleichtern kann. Eher skeptisch werden dagegen die Chancen für den Wechsel in die gymnasiale Oberstufe beurteilt.

Zwar halten Eltern die Kern­fächer Deutsch, Mathematik und Englisch für wichtiger als ein Schulfach Wirtschaft. Es schneidet aber immerhin so gut ab wie Naturwissenschaften und rangierte in der Befragung vor Kunst und ­Musik.

Während der Modellphase registrierten die meisten Lehrer und Eltern wachsendes Interesse der Schüler für Wirtschafts­themen. Dass Ökonomie „lebensnah und praxisorientiert“ unterrichtet werden kann, finden neun von zehn Pädagogen.

Dennoch nennen es die Autoren der Studie die „wohl schwierigste bildungspolitische Aufgabe“, den Stundenplan für ein neues Fach freizumachen, da die Unterrichtszeit für Schüler nicht beliebig ­ausgedehnt werden kann.

Nicht nur Realschüler brauchen ökonomische Kenntnisse

Die meisten Modellschulen reduzierten deshalb ihren Politikunterricht oder nutzten Ergänzungsstunden. Zudem moniert der Bericht, dass es „eine fachspezifische Lehrer­bildung im Bereich Wirtschaft“ derzeit nicht gebe.

Wie die FDP drängen die IHK, das Handwerk und „Unternehmer NRW“ darauf, Wirtschaft als eigenständiges Fach ab Realschulklasse 7 zu verankern. Nach dem Votum des Entwicklungsteams, das den Versuch begleitet hat, wäre zumindest die Einführung eines Wahlpflichtfachs Ökonomie für die Schulen eine Möglichkeit, „ihr Profil zu schärfen“. Zunehmend geraten nach den Hauptschulen auch die Realschulen in den Sog sinkender Anmeldezahlen.

Verbraucherschützer und Gewerkschaften im Beirat des Projekts lehnen dagegen ein Pflichtfach Wirtschaft ab. Der DGB ­befürchtet, damit werde der Unterricht auf die „Leitvorstellung von Markteffizienz“ verkürzt.

Auch SPD und Grüne sind gegen den FDP-Antrag, einen entsprechenden Kernlehrplan für Realschulen zu entwickeln. „Wir wollen mehr Ökonomie- und Verbraucher­bildung an allen Schulformen“, sagte SPD-Fraktionsvize Renate Hendricks dieser Zeitung.

Hauswirtschaft als Fach aufwerten

Die Grünen-Bildungsexpertin Sigrid Beer schlägt vor, das Thema Wirtschaft stärker in die Fächer Politik oder Sozialwissenschaften einzubinden. Um Schülern mehr Fähigkeiten im Umgang mit Geld und mehr Wissen über Ernährung oder Konsum zu vermitteln, will Rot-Grün außerdem das Fach Hauswirtschaft aufwerten und mit neuem Inhalt füllen. Die Verbraucherzentrale NRW plädiert dafür, auch den Umgang mit (sozialen) Medien im Unterricht zu vertiefen.

Der Modellversuch war noch von der früheren CDU/FDP-Regierung eingeleitet worden. Das Interesse war groß, so dass er von ­anfangs 30 auf 70 teilnehmende Realschulen aufgestockt wurde. Allein in Essen machten fünf Schulen mit und behandelten Themen wie Angebot und Nachfrage oder globale Handelsströme. In Duisburg, Düsseldorf, Dortmund und Gelsenkirchen waren es je zwei.